lautstark. 06.07.2026

Herkulesaufgabe OGS-Rechtsanspruch

GrundschuleOffene GanztagsschulePolitische BildungVersorgung

Offener Ganztag in der Primarstufe

Nach den Sommerferien haben alle Erstklässler*innen in NRW einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz. Der Ausbau schreitet voran, doch zeigt sich auch wenige Wochen vor dem Start, mit welchen Herkulesaufgaben die Umsetzung in Sachen Personal, Räume und Finanzierung verbunden ist.

Download pdf | 3 mb
  • Autor*in: Denise Heidenreich
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Auf den ersten Blick ist der Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung, der mit Beginn des Schuljahres 2026 / 2027 stufenweise für alle Grundschüler*innen eingeführt wird, ein lang ersehnter Meilenstein. „Den Rechtsanspruch haben wir gefordert und sehen ihn im Kern als einen wichtigen Schritt hin zu mehr Chancengleichheit“, betont GEW-Landesvorsitzende Ayla Çelik. Der Bedarf an Ganztagsplätzen ist so hoch wie nie zuvor. Nach Daten der DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS) des Deutschen Jugendinstituts (DJI) wünschten sich 2024 78 Prozent der Eltern ein außerunterrichtliches Bildungs- und Betreuungsangebot für ihr Grundschulkind. 74 Prozent nutzen bereits ein solches. Der Ausbau bewegt sich damit in die richtige Richtung.

Zu wenig Personal, zu wenig Räume, fehlende verbindliche Qualitätsstandards

Doch dem ersten positiven Eindruck folgt ein großes Aber: „Entscheidend ist nicht, ob genügend Plätze entstehen. Vielmehr ist zu diskutieren, ob der Ganztag die Qualität bietet, die für eine ganztägige Förderung und echte Chancengleichheit notwendig ist. Dafür braucht es entsprechende Rahmenbedingungen und Bildungsangebote“, macht Ayla Çelik deutlich. Aus Gewerkschaftssicht gibt es drei zentrale Probleme: zu wenig Personal, zu wenig Räume und fehlende verbindliche Qualitätsstandards. Das betrifft die Primarstufe aller Schulformen gleichermaßen, an Förderschulen ist die Situation oft noch verschärft. Dort brauchen Kinder häufig zusätzliche Unterstützung, die nur mit ausreichend qualifiziertem Personal geleistet werden kann.

Durch die KiBS wird bestätigt, dass die kompensatorische Wirkung des Ganztags, also die Möglichkeiten, soziale Ungleichheiten auszugleichen, nur bei hoher Angebotsqualität erreicht werden kann. Nach Einschätzung des Instituts ist ein bloßer Ausbau der Ganztagsplätze nicht ausreichend, um Chancengerechtigkeit zu fördern. Entscheidend seien vielmehr die Qualität der pädagogischen Gestaltung sowie geeignete Angebote im Ganztagsbereich. Gleichzeitig zeige sich, dass insbesondere Kinder aus Familien mit geringem Einkommen, niedrigem Bildungsniveau oder Migrationsgeschichte trotz eines erhöhten Förderbedarfs nicht immer Zugang zu einem Ganztagsplatz erhalten. Das angestrebte Ziel der Chancengleichheit wird so bislang nicht erreicht.

Entscheidend ist nicht, ob genügend Plätze entstehen. Vielmehr ist zu diskutieren, ob der Ganztag die Qualität bietet, die für eine ganztägige Förderung und echte Chancengleichheit notwendig ist. Dafür braucht es entsprechende Rahmenbedingungen und Bildungsangebote.

Fachkräftemangel als Dauerzustand

Von den zentralen Problemen ist die Personalsituation besonders kritisch: „Der zunehmende Fachkräftemangel ist eine der Hauptursachen für die aktuelle Situation. In Zeiten der Personalknappheit waren viele Träger froh über jede helfende Hand – das ist einfach die Realität. Deshalb wurden teilweise Kräfte ohne pädagogische Qualifikation eingestellt. Das ist kein Vorwurf an die Beschäftigten, sondern zeigt, wie groß die Personalnot ist“, erklärt Ayla Çelik. „Deshalb müssen mehr Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen, Heilpädagog*innen und andere einschlägig ausgebildete Fachkräfte gewonnen und dauerhaft beschäftigt werden.“

Die KiBS bestätigt, dass der Anteil nicht pädagogisch qualifizierter Beschäftigter im Ganztag an Grundschulen vergleichsweise hoch ist. Der zusätzliche Personalbedarf durch den Rechtsanspruch werde „rechnerisch wahrscheinlich nicht mit pädagogischen Fachkräften gedeckt werden können“. Einige Bundesländer hätten bereits Qualifizierungs- und Fortbildungsprogramme entwickelt, diese könnten jedoch keine vollqualifizierende Ausbildung ersetzen. So gibt es in NRW den neuen Berufsbildungsgang „Sozialassistenz Schwerpunkt Erziehung, Bildung und Betreuung für Grundschulkinder“, um dem bestehenden Fachkräftemangel zu begegnen. Die Forderung der GEW NRW lautet ganz klar: verbindliche Fachkraftstandards im Ganztag, damit Kinder qualifiziert gefördert werden. Sozialassistenzen können Teams unterstützen, sind aber keine Lösung für den Personalmangel. „Sozialassistenzen ergänzen und entlasten Teams. Aber sie sind keine Antwort auf den Fachkräftemangel. Entscheidend ist, dass die Verantwortung bei qualifizierten pädagogischen Fachkräften bleibt“, so Ayla Çelik.

Doch wie ist diese prekäre Situation eigentlich entstanden? Die GEW NRW sieht besonders die Arbeitsbedingungen als Ursache. Viele Beschäftigte arbeiteten in Teilzeit, mit befristeten Verträgen oder unter wenig planbaren Bedingungen. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen kontinuierlich. „Wir erleben einen Teufelskreis: Hohe Belastung führt zu Ausfällen, Ausfälle verschlechtern den Personalschlüssel und die Belastung steigt weiter“, beschreibt Ayla Çelik die Situation. „Wer Fachkräfte gewinnen will, muss den Beruf deshalb attraktiver machen und bessere Arbeitsbedingungen schaffen – durch unbefristete Stellen, faire Bezahlung und verlässliche Arbeitszeiten.“

Mehr Wissen

Ausbau von Ganztagsplätzen

Das Ganztagsförderungsgesetz von 2021 sieht die stufenweise Einführung eines Rechtsanspruchs auf ganztägige Förderung für Grundschulkinder vor, beginnend für Kinder der ersten Klassenstufe ab dem Schuljahr 2026 / 2027. Das Deutsche Jugendinstitut begleitet mit der Kinderbetreuungsstudie (KiBS) den durch verschiedene Investitionsprogramme geförderten Ausbau in den Ländern. NRW legt seit einigen Jahren seinen Schwerpunkt auf die schulbasierte Ausgestaltung des Ganztags. Im Haushalt 2025 standen Mittel für bis zu 480.500 Plätze im Offenen Ganztag bereit. Mit dem Schuletat 2026 sollen bedarfsgerecht weitere 20.000 hinzukommen. Bis zum Schuljahr 2028 / 2029 ist ein Aufwuchs auf bis zu 605.500 Plätze vorgesehen.

Deutsches Jugendinstitut: DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS) 2024-2026

Hohe Motivation trotz schwieriger Bedingungen

Wie sich die Situation auf den Arbeitsalltag der Beschäftigten auswirkt, zeigt die durch die Max-Traeger-Stiftung der GEW geförderte Studie Ganztagsförderung für Grundschulkinder: Organisationsmodelle und Beschäftigungsbedingungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Rund 72 Prozent der befragten Beschäftigten in NRW halten zusätzliche Teammitglieder für notwendig, um den Anforderungen gerecht zu werden. 81 Prozent wünschen sich mehr pädagogisch qualifiziertes Personal.

Die IAQ-Studie betont, dass auch das Gehalt einen großen Einfluss auf Arbeitszufriedenheit und das Gefühl von Wertschätzung habe. Obwohl die Mehrheit der Befragten nach Tarif bezahlt wird, stimmen drei Viertel der Aussage zu, dass ihr Einkommen ihrer Leistung nicht angemessen entspreche. Eine Möglichkeit hier für mehr Zufriedenheit beizutragen, könnte darin bestehen, wenn die Anstellungsträger die Eingruppierung ihrer Beschäftigten auf den Prüfstand stellen würden, meint Studienautorin Iris Nieding, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Arbeit und Qualifikation. Sie fasst die Ergebnisse so zusammen: „Aus unseren Befragungen eröffnen sich zwei zentrale Wünsche mit Blick auf das Gehalt und die Wertschätzung: mehr Anerkennung der teilweise belastenden Arbeitsbedingungen durch mehr Gehalt sowie mehr gesellschaftliche Wertschätzung.“

Gleichzeitig zeichnet die Studie kein ausschließlich negatives Bild. Jedoch sind es vor allem die inneren und nicht die äußeren Arbeitsbedingungen, die die Beschäftigten im Arbeitsfeld der Ganztagsförderung halten. 67 Prozent der Befragten in NRW möchten auch in Zukunft weiter in der Ganztagsförderung tätig sein. „Diese Zufriedenheit beruht allerdings hauptsächlich auf der Wertschätzung durch die Kinder und die eigene Erfüllung durch eine sinnstiftende Tätigkeit, indem die Beschäftigten einen wichtigen Beitrag zu einer positiven Entwicklung der Kinder leisten können. Die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt im Team und eine gute Arbeitsatmosphäre gehen auch mit einer höheren Arbeitszufriedenheit einher“, sagt Iris Nieding.

Ohne gute Arbeit gibt es keine gute Qualität — und ohne gute Qualität keine gute Arbeit.

Wenn Räume zur Mangelware werden: Forderung nach einem umfassenden Investitionsprogramm

Neben der prekären Personalsituation sieht die GEW NRW erhebliche Defizite bei der räumlichen Ausstattung vieler Schulen. Denn vielerorts werden Klassenräume mehrfach genutzt und für die Beschäftigten fehlen Rückzugsräume. „Wir erleben teilweise kreative Notlösungen. Oft nutzt die OGS dieselben Klassenräume wie der Unterricht. Dort werden zusätzliche Schränke für Spiele und Materialien untergebracht, obwohl die Räume ohnehin schon eng sind. Manche Kolleg*innen berichten sogar, dass sie in diesen Räumen eher geduldet als wirklich eingeplant werden“, berichtet Ayla Çelik.

Die GEW NRW fordert deshalb ein umfassendes Investitionsprogramm. Benötigt werden Mensen, Bewegungsräume, Differenzierungsräume, Ruhezonen, barrierefreie Räume und Arbeitsplätze für die Beschäftigten. Dies entspricht dem Ergebnis der IAQ-Studie: „Mehr Räumlichkeiten zählen neben zusätzlichem Personal zu den häufigsten Forderungen der Beschäftigten. Viele sehen darin eine zentrale Voraussetzung, um pädagogische Konzepte überhaupt umsetzen zu können“, erklärt Iris Nieding.

Schule und Ganztag müssen ein gemeinsamer Bildungsort sein

Großen Verbesserungsbedarf sieht die GEW NRW außerdem bei der Zusammenarbeit von Schule und Offenem Ganztag, denn noch immer arbeiten Lehrkräfte und Ganztagspersonal vielerorts nebeneinander her statt miteinander. „Für die Kinder macht diese Trennung keinen Sinn. Sie erleben ihren Tag als Ganzes. Deshalb brauchen wir für eine gute Förderung keine Parallelwelten von Schule und Ganztag, sondern gemeinsame Konzepte, feste Kooperationszeiten und Multiprofessionelle Teams. Und damit eine gemeinsame Verantwortung für Bildung, Förderung und Betreuung“, argumentiert Ayla Çelik. Auch das DJI misst dieser Zusammenarbeit große Bedeutung bei. Die Forschenden verweisen in der KiBS auf die notwendige „Kooperation zur gemeinsamen Gestaltung des Ganztags“ und auf die Bedeutung einer engen Verzahnung von Unterricht, Förderung und Freizeitangeboten. Bereits frühere Studien hätten gezeigt, dass gerade multiprofessionelle Kooperationen und eine gute Angebotsgestaltung entscheidend für die Qualität des Ganztags seien.

Ganztagsgesetz für verbindliche Regelungen

Ein generelles Thema sind die anhaltenden Konflikte über die Finanzierung. Mit dem Schuletat 2026 steigen die OGS-Ausgaben auf rund 983 Millionen Euro jährlich: Mehrere Städte in NRW – darunter Düsseldorf, Krefeld, Hamm, Aachen und Bochum – haben Klagen bei den Verwaltungsgerichten eingereicht, um Klarheit zur Finanzierung des Rechtsanspruchs zu schaffen. Die IAQ-Studie bestätigt den Handlungsbedarf. „Die Qualität der Angebote im bisherigen Trägermodell hängt stark von kommunalen Finanzen und politischen Prioritäten ab. Es braucht eine landesweite Finanzierung, die soziale Unterschiede ausgleicht.“ Ihr Fazit bringt die zentrale Herausforderung des Ganztags auf den Punkt: „Ohne gute Arbeit gibt es keine gute Qualität – und ohne gute Qualität keine gute Arbeit.“ Aus Sicht der GEW NRW braucht es daher ein verbindliches Ganztagsgesetz in Nordrhein-Westfalen. Ein Rechtsanspruch ohne klare gesetzliche Rahmenbedingungen schafft Unsicherheit bei Kommunen, Trägern, Schulen, Beschäftigten und Eltern. „Bildungschancen dürfen nicht länger vom Wohnort abhängen. Ein Ganztagsgesetz muss verbindliche Qualitätsstandards, eine verlässliche Finanzierung durch das Land und eine stärkere Unterstützung finanzschwacher Kommunen festschreiben. Sonst droht ein Flickenteppich, bei dem Kinder je nach Postleitzahl sehr unterschiedliche Bedingungen vorfinden. Die Landesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag ein Ausführungsgesetz versprochen, doch dieses Versprechen ist bis heute nicht eingelöst“, zieht Ayla Çelik ihr Fazit zu der aktuellen Situation. Der eigentliche Test des Rechtsanspruchs beginnt damit erst nach seiner Einführung.