



Kommentar zum Lehrkräftemangel an Grundschulen
Der Lehrkräftemangel an Grundschulen in Nordrhein-Westfalen ist das Ergebnis politischer Versäumnisse. Er wird seit Jahren verwaltet, statt gelöst. Die Folgen tragen die Kolleg*innen jeden Tag im Klassenzimmer.
Seit über zehn Jahren sinken die Zahlen der Absolvent*innen für das Grundschullehramt
Die Dimension ist seit Langem bekannt: Laut einer Analyse von IT.NRW aus dem Jahr 2023 ist die Zahl der Lehramtsabsolvent*innen für die Grundschulen zwischen 2011 und 2021 um 18,4 Prozent gesunken – auf nur noch 1.260 Personen im Prüfungsjahr 2021. Davon kommen natürlich nicht alle im NRW-Schulsystem an und Stellen bleiben systematisch unbesetzt: Keine Landesregierung hat in den vergangenen Jahrzehnten langfristige Lösungen präsentiert. In Duisburg etwa waren zum 1. Mai 2026 rund 160 Stellen ausgeschrieben – besetzt wird davon voraussichtlich kaum jede zehnte, bestätigen Personalrät*innen ebenso wie die Vertrauensmenschen vor Ort. Das heißt: An etwa 75 Grundschulen fehlen weiterhin rund 150 Lehrkräfte. Und das ist in NRW leider kein Einzelfall.
Ein System im Ausnahmezustand: Unterrichtsausfall und Dauerüberlastung
Die offiziellen Zahlen beschönigen die Realität. Landesweit werden im Schnitt nur knapp 84 Prozent des geplanten Unterrichts erteilt, an hunderten Schulen deutlich weniger. Doch selbst diese Planung ist bereits Mangelverwaltung: Was nicht besetzt werden kann, wird gar nicht erst eingeplant. Förderangebote – insbesondere im sonderpädagogischen Bereich – fallen an Grundschulen unter den Tisch. Der Alltag ist geprägt von Improvisation und Überlastung. Stundenpläne werden von Schuljahresbeginn an ohne jegliche Reserve kalkuliert, vielerorts sogar unterhalb der Mindeststandards. Bei krankheitsbedingten Ausfällen kippt das System: Vertretungsunterricht wird zur Dauerlösung, Klassen werden aufgeteilt, Doppelbesetzungen und dringend notwendige Förderangebote gestrichen. In Anbetracht fehlender Lehrkräfte wird aus der Not heraus auf das sozialpädagogische Personal zurückgegriffen und dieses – erlasswidrig – für den Vertretungsunterricht eingesetzt.
Der Mangel verstärkt sich selbst
Es sind nicht zuletzt diese Zustände, die Kolleg*innen krankmachen können: Mehr als ein Drittel der Lehrer*innen bundesweit fühlt sich mehrmals pro Woche emotional erschöpft, vor allem jüngere und weibliche Lehrkräfte sowie Grundschullehrkräfte sind betroffen, zeigte das Deutsche Schulbarometer 2024. Langzeitausfälle, vorgezogener Ruhestand oder vorzeitige Dienstaustritte sowie Kündigungen sind die Folge. Der Mangel verstärkt sich selbst. Und dennoch erleben wir immer wieder, dass öffentlich lieber über das im (europäischen oder bundesweiten) Vergleich schlechte Abschneiden der Schüler*innen und fehlende Kompetenzen diskutiert wird als über die Ursachen dafür.
Abordnungen und andere dienstliche Maßnahmen: Ist das organisierte Hilflosigkeit?
Abordnungen sind keine Lösung, sondern Symptom politischer Hilflosigkeit. Sie verschieben Personal von einer Mangelsituation in die nächste. Mehrfache Wechsel von Klassenleitungen sind die Folge, Teilabordnungen zerstören die gerade in Krisenzeiten wichtige pädagogische Kontinuität für die Grundschüler*innen. Dazu kommt, dass durch häufige Personalwechsel eine professionelle und nachhaltige Schulentwicklung ausgebremst wird. Auch aktuelle Maßnahmen des Ministeriums für Schule und Bildung (MSB) NRW reihen sich ein: Umverteilungen, Rückholaktionen, rechnerische Tricks. Der Mangel verschwindet nicht – er wird statistisch neu sortiert. Erfolgsmeldungen des MSB NRW über Einstellungszahlen müssen vor diesem Hintergrund dezidiert und kritisch betrachtet werden.
Was die GEW seit Jahren fordert – und schon zu lange ignoriert wird!
Dabei liegen die Lösungen längst auf dem Tisch. Die GEW NRW fordert seit Jahren
- eine realistische und auskömmliche Personalbedarfsplanung statt politisch geschönter Zahlen.
- deutlich mehr Studien- und Ausbildungsplätze im Grundschullehramt sowie eine bessere Verzahnung von Studium, Vorbereitungsdienst und Einstellung.
- attraktivere Arbeitsbedingungen – etwa durch Entlastungssysteme, kleinere Klassen und verbindliche Doppelbesetzungen an belasteten Schulen.
- eine gerechtere und zentrale Steuerung der Personaleinsätze, die soziale Lagen von Schulen tatsächlich berücksichtigt.
- Konsequenzen aus der A13-Reform für Beförderungsämter.
- Fachkräfte in Multiprofessionellen Teams, die sinnvoll eingesetzt und angemessen bezahlt werden, statt als Lückenbüßer für fehlende Lehrkräfte zu dienen.
Einen Antrag mit Forderungen zur Reform des Einstellungsverfahrens und Ideen zur Attraktivitätssteigerung für schlecht zu besetzende Stellen an Grundschulen in NRW hat die Fachgruppe Grundschule auch auf dem Gewerkschaftstag Ende Mai 2026 eingebracht. Vorangegangen war ein gemeinsam beschlossenes Papier der Landesdelegiertenversammlung Grundschule 2024. Schon vor 1,5 Jahren erklärten sich alle Kolleg*innen solidarisch und formulierten die Vorschläge gemeinsam. Wenig davon ist neu. Vieles davon wurde politisch angekündigt – aber nur halbherzig oder zu spät umgesetzt. Was fehlt, ist politischer Wille. Statt konsequenter Strukturreformen erleben wir seit Jahren kurzfristige Notmaßnahmen. Der Eindruck drängt sich auf: Der Mangel wird verwaltet, nicht behoben.
Ein Appell an unsere Kolleg*innen
Ihr seid nicht schuld an dieser Situation! Ihr haltet unter immer schwierigeren Bedingungen ein System am Laufen, das über ein Jahrzehnt hinweg politisch auf Verschleiß gefahren wurde – in parteiübergreifender Verantwortung! Dass Schulen heute im Dauerkrisenmodus arbeiten, ist kein individuelles Versagen. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen.
Autor*innen: Jana Koch, Rüdiger Wüllner und Nicole Jagowski
Funktion: Leitungsteam der Fachgruppe Grundschule der GEW NRW


Kommentar zum Lehrkräftemangel an Förderschulen
Die Lage an den Förderschulen in Nordrhein-Westfalen spitzt sich weiter zu! Die Zahl der Schüler*innen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf steigt kontinuierlich – die personelle Ausstattung hält längst nicht mehr Schritt.
An rund 500 Förderschulen sind aktuell über 1.100 Stellen für Sonderpädagog*innen unbesetzt. Hinzu kommt der massive Mangel an sonderpädagogischem Personal an Regelschulen: Landesweit fehlen damit Tausende qualifizierte Fachkräfte. Doch diese Zahlen bilden die Realität nur unzureichend ab. Denn selbst dort, wo Stellen rechnerisch besetzt sind, stehen häufig keine entsprechend ausgebildeten Fachkräfte vor den Klassen. Stattdessen übernehmen fachfremde Vertretungskräfte den Unterricht. Die tatsächliche Versorgung mit sonderpädagogischer Expertise ist daher vielerorts deutlich schlechter, als es offizielle Statistiken vermuten lassen.
Trotz Personalnot: wachsende komplexe Aufgaben und intensive Beziehungsarbeit
Die Folgen dieses Mangels treten an Förderschulen besonders drastisch zutage: Sonderpädagogische Lehrkräfte und andere Pädagog*innen arbeiten dauerhaft am Limit. Neben dem Unterricht fordern die prozessbegleitende Diagnostik, das Erstellen differenzierter Förderpläne und die aufwendige Dokumentation sämtliche Ressourcen – all diese Aufgaben sind in der derzeitigen Situation kaum noch zu bewältigen. Lehrkräfte dokumentieren Diagnosen, führen Elterngespräche und übernehmen zunehmend komplexe Beratungsaufgaben. Gleichzeitig steigen die Anforderungen durch veränderte Lerngruppen und Schüler*innen mit teils sehr hohem Unterstützungsbedarf. Das heißt, auch die Beziehungsarbeit an Förderschulen nimmt zu und ist im Vergleich zu anderen Schulformen intensiver. Die generelle Personalnot verschärft die Situation zusätzlich: Unterricht fällt aus, Förderangebote werden gekürzt oder können gar nicht erst stattfinden. Klassen sind häufig überfüllt, individuelle Förderung bleibt auf der Strecke. Lehrkräfte übernehmen immer mehr Aufgaben, für die eigentlich zusätzliche Fachkräfte notwendig wären.
Gesundheitsrisiko und Personalmangel
Der Personalmangel an Förderschulen kann oft nur durch unbezahlte Mehrarbeit aufgefangen werden – mit direkten Folgen für die Gesundheit: Laut DGB-Index Gute Arbeit 2024 geht dauerhafte Überlastung mit einem deutlich erhöhten Risiko für emotionale Erschöpfung und Burnout einher. Belegt wird dies auch durch die erhobenen Werte in der Gefährdungsbeurteilung Psyche mittels COPSOQ bei den Skalen „Emotionale Anforderungen und Burnout“. Besonders auffällig sind die Werte an Förderschulen auch in Bezug auf verbale Aggression und Gewalt. Das Deutsche Schulbarometer 2025 unterstreicht die Dimension des Problems: 31 Prozent der Förderschullehrkräfte nennen den Personalmangel als eines der drängendsten Probleme – das ist der höchste Wert aller Schulformen. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Das Land hat über Jahre hinweg den tatsächlichen Bedarf an sonderpädagogischen Lehrkräften unterschätzt und realistische Prognosen versäumt. Entsprechend wurden Studien- und Ausbildungsplätze nicht ausreichend ausgebaut. Die aktuelle Situation ist daher nicht nur eine temporäre Krise, sondern das Ergebnis langfristiger Fehlentwicklungen.
Maßnahmenpaket der GEW für die Förderschulen in NRW steht
Die GEW NRW fordert deshalb ein umfassendes Maßnahmenpaket, um gegenzusteuern. Im Zentrum steht der deutliche Ausbau der Ausbildungskapazitäten. Neue Studienstandorte für das Lehramt Sonderpädagogische Förderung müssen geschaffen und bestehende Angebote erweitert werden – insbesondere in Regionen mit besonders großem Mangel. Gleichzeitig setzt die GEW auf alternative Wege in den Beruf und fordert dafür klare Qualitätsstandards. Berufsbegleitende Qualifizierungen wie VOBASOF oder OBAS müssen gestärkt und die Teilnehmenden deutlich entlastet werden. Auch für bereits tätiges Personal ohne sonderpädagogische Ausbildung braucht es systematische Fort- und Weiterbildungsangebote, um eine weitere Entprofessionalisierung zu verhindern.
Ein zentraler Punkt ist zudem die Attraktivität des Berufs. Finanzielle Anreize, bessere Aufstiegsmöglichkeiten und vor allem spürbare Entlastungen im Arbeitsalltag sind aus Sicht der GEW unerlässlich. Dazu gehören eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung, kleinere Klassen sowie eine bessere Schüler*innen-Lehrkraft-Relation – konkret fordert die GEW eine Relation von maximal 8:1. Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehört ebenfalls dazu – diese lässt sich zum Beispiel mit der Rücknahme der 50-km-Grenze, verbindlichen Teilzeitkonzepten und mehr Kitaplätzen erreichen. Darüber hinaus plädiert die Gewerkschaft für einen massiven Auf- und Ausbau Multiprofessioneller Teams. Schulsozialarbeit, Schulpsychologie sowie therapeutische und pflegerische Fachkräfte sollen flächendeckend an allen Förderschulen eingesetzt werden und das bestehende Multiprofessionelle Team aus Lehrkräften, Fachlehrkräften, MPT-Fachkräften und Sozialpädagog*innen ergänzen. Diese Unterstützung ist notwendig, um den komplexen Bedarfen der Schüler*innen gerecht zu werden und Lehrkräfte spürbar zu entlasten.
Strukturelle Reformen gegen den Lehrkräftemangel sind überfällig
Nicht zuletzt geht es um strukturelle Verbesserungen: bessere Ausstattung, zum Beispiel durch dienstliche Endgeräte für alle Beschäftigten, verlässliche Digitalisierung wie WLAN an jeder Schule und in jedem Klassenraum, klare Regelungen für Arbeitszeiten und Entlastung bei Verwaltungsaufgaben. Auch der Ausbau von Ganztagsangeboten stellt zusätzliche Anforderungen, die nur mit ausreichend Personal bewältigt werden können. Der Lehrkräftemangel an Förderschulen ist längst mehr als ein organisatorisches Problem. Er gefährdet die Qualität von Bildung und die Teilhabechancen besonders unterstützungsbedürftiger Kinder und Jugendlicher. Wenn die Politik nicht entschlossen handelt, droht sich die Situation weiter zu verschärfen. Die Forderungen der GEW liegen auf dem Tisch. Nun kommt es darauf an, ob das Land bereit ist, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen – und den Förderschulen endlich die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie dringend brauchen.
Autor*innen: Susanne Boland, Heike Rüttermann und Birgit Dinnessen-Speh
Funktion: Leitungsteam der Landesfachgruppe Sonderpädagogischer Berufe der GEW NRW







