

„Wenn wir über Qualität sprechen, können wir unterschiedliche Aspekte zur Bewertung heranziehen“, sagt Bernhard Kalicki, Professor für Frühkindliche Bildung an der Evangelischen Hochschule Dresden. Dabei sei es Aufgabe der Politik, die jeweils notwendigen Ressourcen zur Umsetzung bereitzustellen: „Es geht um Zugang und Teilhabe insbesondere für benachteiligte Kinder – finanziell-ökonomisch, sprachlich und auch mit Blick auf Vertrautheit der Eltern mit dem System“, betont der Leiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung am Deutschen Jugendinstitut (DJI). Angesichts knapper Mittel in Landeshaushalten und Kommunen stehe diese Zielsetzung jedoch vielerorts auf der Kippe.
Rechnerisch ist der Fachkraft-Kind-Schlüssel in NRW zwar vergleichsweise gut, aber …
Ein zentraler Faktor in puncto Qualität ist der Fachkraft-Kind-Schlüssel: „Hier steht Nordrhein-Westfalen vergleichsweise gut da“, sagt Bernhard Kalicki. 2024 betreute eine Fachkraft in einer NRW-Kita demnach durchschnittlich 3,7 Kinder unter drei Jahren (Bundesschnitt: 1:3,8); bei Gruppen mit über Dreijährigen lag der Landesschnitt bei 1:7,2 (Bund: 1:7,5). Das Fachkräftebarometer 2025 zeigt zudem, dass sich der Personalschlüssel in den vergangenen zehn Jahren auch insgesamt deutlich verbessert hat – wenngleich bundesweit weitere Nachbesserungen wünschenswert wären, wie Bernhard Kalicki betont. Wesentlich für eine hohe Qualität ist zudem die Qualifikation des Personals. „Hier sehen wir – anders als im Pflegebereich – eine weitgehend stabile Situation“, berichtet Bernhard Kalicki. So hätten 68 Prozent der Beschäftigten in NRW-Kitas eine Fachschulausbildung absolviert, fünf Prozent verfügten über einen Hochschulabschluss. Weil Fachkräfte fehlen, kommen aber auch in Nordrhein-Westfalen zunehmend Beschäftigte aus anderen Berufsfeldern zum Einsatz. So hatten zuletzt rund drei Prozent der Kitamitarbeiter*innen in NRW keine pädagogische Qualifikation. „Wir brauchen gut ausgebildete Erzieher*innen. Andere Professionen unterstützen und bereichern den Kitaalltag, ersetzen aber nicht die Erzieher*innen. Wo es zu wenig Fachkräfte gibt, sehen wir die Qualität gefährdet“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der GEW NRW, Stephan Osterhage-Klingler.


Wir brauchen gut ausgebildete Erzieher*innen. Andere Professionen unterstützen und bereichern den Kitaalltag, ersetzen aber nicht die Erzieher*innen. Wo es zu wenig Fachkräfte gibt, sehen wir die Qualität gefährdet.
... im Kitaalltag zeigen sich Fachkräftemangel, Arbeitsverdichtung und hohe Krankenstände
Auch an anderer Stelle passen die rechnerisch guten Zahlen für NRW nicht mit dem Kitaalltag überein. So herrsche gerade in Großstädten ein allgemeiner Personalmangel, der mit einer Arbeitsverdichtung und hohen Krankenständen einhergehe, sagt Bernhard Kalicki. Das Fachkräftebarometer 2025 zeigt, dass Mitarbeitende in Kindertagesstätten höhere krankheitsbedingte Ausfallzahlen aufweisen als die Beschäftigten des deutschen Arbeitsmarkts insgesamt – im Schnitt rund 30 Fehltage pro Jahr. Würden Ausfälle ohne Krankschreibung, Kinderkrankengeld oder Mutterschutzzeiten noch hinzugerechnet, wären es mehr als 40 Tage jährlich – mit gravierenden Folgen. „Arbeit in der Kita ist Beziehungsarbeit, da ist Konstanz besonders wichtig, um auch die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder angemessen zu begleiten“, sagt Stephan Osterhage-Klingler. Die angespannte Personalsituation mache es zudem schwierig, die Sprachbildung zu fördern: „33 Prozent der Grundschulkinder verfügen über unzureichende Deutschkenntnisse. Wir wissen, dass die alltagsintegrierte Sprachförderung in Kitas ein bewährter Lösungsansatz für dieses Problem ist. Doch aktuell ist es schwierig, sie umzusetzen, da Personal fehlt.“ Ohnehin stelle die Zunahme belasteter Familien die Kitas vor große Herausforderungen. Studien zeigten, dass gerade solche Kinder von der Kindertagesbetreuung profitierten, sagt Bernhard Kalicki. „Daher bestehen hohe Erwartungen, die herkunftsbedingten Benachteiligungen auszugleichen.“ Um jungen Menschen langfristig gute Chancen für den weiteren Bildungsweg zu geben, müssten vorliegende Konzepte, wie das der alltagsintegrierten Sprachbildung, umgesetzt und Ressourcen bereitgestellt werden: „Wir dürfen nicht aufhören zu investieren.“
Kritik an KiBiz-Reform: höherer finanzieller Druck auf freie Träger und …
Diese Einschätzung teilt Stefan Spieker, Geschäftsführer des Kitaträgers Fröbel und Vorstandsvorsitzender des Vereins Fröbel e. V. Fröbel ist der größte freigemeinnützige Träger in Deutschland und betreibt aktuell rund 250 Kindertagesstätten und Familienzentren in 13 Bundesländern. Deutschlandweit seien rund 75 Prozent aller Kitas in freier Trägerschaft organisiert, berichtet Stefan Spieker. „Die freien Träger sind strukturell die tragende Säule der Kindertagesbetreuung – sie sichern das Wunsch- und Wahlrecht der Eltern.“ Das Spektrum reiche von großen Verbänden wie der Arbeiterwohlfahrt bis zu kleinen Elterninitiativen. Unabhängig von der Organisationsstruktur gerieten jedoch alle freien Träger immer mehr unter Druck – „durch Bürokratie, aufwendige Beantragungsverfahren und Dokumentationspflichten“.
Aktuell müssten Kitaträger in NRW hohe Summen vorfinanzieren. Denn die gesetzlichen Vorgaben sehen einen Eigenanteil der Betriebskosten vor, den die Träger etwa über Spenden oder Mitgliedsbeiträge finanzieren müssen. Dadurch fehle es an Planungssicherheit für Investitionen und die Weiterentwicklung der Einrichtungen. „Man entscheidet in Unsicherheit, weil man nicht weiß, ob man das Geld zurückbekommt“, sagt Stefan Spieker. Zudem würden Tarifanpassungen nicht oder unzureichend in den Zuwendungen abgebildet. Das neue KiBiz schaffe hier kaum Abhilfe. „Was wir brauchen, ist Planungssicherheit für 10 oder 15 Jahre“, betont Stefan Spieker.
In Hamburg und Berlin könnten Träger Qualitätsvereinbarungen mit den Kommunen abschließen – etwa zur Dauer der Betreuung und zum Personalschlüssel. „Dann kann man pro Kind eine Pauschale abrechnen, die sich nach dem Alter des Kindes und der Betreuungsintensität richtet – ohne Beantragung und ohne Eigenanteile. Das ist verwaltungsärmer und besser kalkulierbar. Das Geld folgt dem Kind.“


Kitamitarbeitende sind hoch qualifiziert und engagiert, und sie haben eine hohe Bindung an ihren Beruf. Doch an vielen Stellen fehlt die Wertschätzung.
... Aufteilung in Kern- und Randzeiten
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt am Gesetzentwurf für ein neues KiBiz ist die Aufteilung in Kern- und Randzeiten. Die neuen Vorgaben sehen vor, dass in Randzeiten – etwa früh am Morgen oder spät am Nachmittag – geringere Anforderungen für den Personalschlüssel und die Qualifikation des Personals gelten. „Dieser Ansatz lässt vollkommen außer Acht, wie Bildung in Kitas funktioniert. Wichtige Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräche mit Eltern finden genau in diesen Randzeiten statt“, betont Stefan Spieker. Stephan Osterhage-Klingler sieht in der neuen Einteilung zudem einen hohen bürokratischen Aufwand, der Träger und Personal gleichermaßen treffe: „Die Buchungsmöglichkeit in Fünf-Stunden-Schritten bedeutet mehr Verwaltungsarbeit und könnte im Alltag eine alle zwei Stunden wechselnde Zusammensetzung der Gruppen nach sich ziehen.“ Für das ohnehin stark beanspruchte Personal sei das eine weitere Mehrbelastung. Damit werde die pädagogische Arbeit in der Kita für Beschäftigte immer unattraktiver, was den bestehenden Fachkräftemangel weiter verstärke. Um langfristig Abhilfe zu schaffen, brauche es qualitativ hochwertige Ausbildungsmöglichkeiten. „Hierfür muss gerade die praxisintegrierte Ausbildung besser finanziert werden, damit Träger mehr Personal ausbilden können. Gleichzeitig brauchen Praxisanleitungen Entlastung – durch Entgelt und durch Freistellungsstunden“, sagt Stephan Osterhage-Klingler. Gleiches gelte für Kitaleitungen, wie Bernhard Kalicki unterstreicht: „Studienergebnisse zeigen, dass bei Personalausfällen häufig die Leitungen im Gruppendienst einspringen müssen.“ Dadurch blieben Leitungsaufgaben liegen, was eine weitere Arbeitsverdichtung nach sich ziehe. Wenngleich das neue Kinderbildungsgesetz diese Punkte außer Acht lasse, so habe es auch positive Aspekte. „Dass es ein neues KiBiz gibt, war überfällig“, sagt Stephan Osterhage-Klingler. Die Verstetigung von Alltagshelfer*innen in den Kitas sei beispielsweise ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Mehr Unterstützung für Kitas in sozialen Brennpunkten und mehr Wertschätzung für Fachkräfte
Für eine langfristig gesicherte Qualität müssten Einrichtungen darüber hinaus, abhängig vom Sozialraum, auch unterschiedlich unterstützt werden, betont Stefan Spieker. „Wo Familien mit besonderen Herausforderungen wie etwa Sprachbarrieren leben, brauchen Kitas und Familien mehr Zeit, mehr Personal und vor allem verlässliche Unterstützung.“ Dazu bräuchten pädagogische Fachkräfte Handlungssicherheit, die durch gute Fortbildungen, fachliche Begleitung und ausreichend Zeit für den Austausch mit den Familien erreicht werden könne. Zudem müsse mehr getan werden, um Fachkräfte langfristig in den Einrichtungen zu halten, ergänzt Bernhard Kalicki: „Kitamitarbeitende sind hoch qualifiziert und engagiert, und sie haben eine hohe Bindung an ihren Beruf. Doch an viele Stellen fehlt die Wertschätzung.“ Neben einer verbesserten Ausstattung in den Einrichtungen brauche es daher Möglichkeiten zur beruflichen Entwicklung. „Eine Idee könnten Funktionsstellen für besondere Aufgaben sein, die sich auch in der Vergütung zeigen – etwa als Fachkraft für Inklusion oder Sprachförderung.“ Stefan Spieker spricht sich außerdem dafür aus, die Qualität der pädagogischen Arbeit in Kitas transparenter zu machen. Fröbel selbst veröffentlicht seit Juni 2024 die Ergebnisse der Evaluationen aller Einrichtungen. „Damit helfen wir dabei, die Qualität im System nachhaltig weiterzuentwickeln.“


Was wir brauchen, ist Planungssicherheit für 10 oder 15 Jahre.







