

Wenn über Bildungsgerechtigkeit gesprochen wird, richtet sich der Blick häufig auf Schulabschlüsse, Ausbildungsplätze oder die Leistungsfähigkeit weiterführender Schulen. Dabei ist seit Jahren bekannt: Die entscheidenden Weichen für den Bildungserfolg werden deutlich früher gestellt. Chancengleichheit in Nordrhein-Westfalen nachhaltig zu verbessern, setzt vor allem voraus, die frühkindliche Bildung, die Grundschulen und den Ganztag zu stärken. Denn genau hier entscheidet sich, ob Herkunft weiterhin über Zukunft bestimmt oder ob Bildung tatsächlich gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Derzeit haben politische Ankündigungen, immer neue Programme und Einzelinitiativen Hochkonjunktur. Was aber fehlt und von den Beschäftigten genauso wie von uns als Interessenvertretung vermisst wird, ist eine ganzheitliche und langfristig angelegte Gesamtstrategie. Neue Maßnahmen setzen punktuell an, ohne die strukturellen Probleme zu lösen.
Immer weniger Ressourcen bei steigenden Anforderungen
Dabei sind die Herausforderungen längst bekannt. In vielen Kitas erschweren Personalmangel, hohe Krankenstände und fehlende Vertretungsreserven die pädagogische Arbeit. Fachkräfte arbeiten am Limit. Gleichzeitig steigen die Anforderungen: Sprachförderung, Inklusion, Zusammenarbeit mit Familien und die Begleitung zunehmend heterogener Gruppen gehören inzwischen selbstverständlich zum Alltag. Frühkindliche Bildung wird gesellschaftlich immer wichtiger – die Rahmenbedingungen halten mit dieser Entwicklung jedoch nicht Schritt. Ähnlich stellt sich die Situation an den Grundschulen dar. Gerade dort werden grundlegende Kompetenzen erworben, die den weiteren Bildungsweg maßgeblich beeinflussen. Lesen, Schreiben, Rechnen, soziales Lernen und demokratische Teilhabe bilden das Fundament für lebenslanges Lernen. Doch auch hier fehlen vielerorts Lehrkräfte, sonderpädagogische Unterstützung, Schulsozialarbeit und ausreichend Zeit für individuelle Förderung.
Auch beim Ausbau des Ganztagsangebots, der durch den Rechtsanspruch für Erstklässler*innen ab dem 1. August 2026 noch drängender wird, hapert es gewaltig, obwohl klar ist: Nur ein qualitativ hochwertiger Ganztag kann Kinder fördern und Bildungs- sowie Teilhabechancen verbessern. Denn Betreuung allein schafft noch keine Bildungsgerechtigkeit und der Rechtsanspruch – so richtig und notwendig er ist – keine Qualität. Der Ganztag muss Bildungs-, Förder- und Lebensraum sein. Dafür braucht es qualifiziertes Personal, Multiprofessionelle Teams, geeignete Räume und eine enge Verzahnung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten. Die Landesregierung hätte all dies auf den Weg bringen können, wenn sie die Chance genutzt und Verantwortung für einen qualitativ hochwertigen Ganztag zum Wohle aller Kinder übernommen hätte.
Stattdessen fehlt weiterhin ein umfassendes Ausführungsgesetz, das die rechtlichen Grundlagen für Schule und Jugendhilfe schafft und verbindliche Rahmenbedingungen sowie Mindeststandards hinsichtlich der personellen und räumlichen Ausstattung ebenso wie für die fachliche Qualifikation der Beschäftigten festlegt. Das bedeutet nichts anderes als, dass die Landesregierung die rechtliche Verantwortung für die organisatorische, personelle und finanzielle Ausgestaltung des Rechtsanspruchs den kommunalen Trägern überlässt und diese damit in deren Zuständigkeit verlagert. Verantwortliche Steuerung sieht anders aus, ebenso eine Bildungspolitik, die Chancengleichheit stärken will.
Das Beispiel Ganztag zeigt: Der Landesregierung fehlt in der Bildungspolitik der Blick fürs Ganze
Das Beispiel des Ganztags verdeutlicht aus meiner Sicht exemplarisch ein grundlegendes Muster der Bildungspolitik der Landesregierung: Statt strukturelle Probleme anzugehen, setzt sie auf projekthafte Einzelmaßnahmen und überlässt zentrale Steuerungsaufgaben den Kommunen – mit ein Grund, warum mittlerweile 15 nordrheinwestfälische Kommunen Feststellungsklagen gegen das Land NRW eingereicht haben, um die rechtliche Zuständigkeit und Finanzierung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung und Bildung zu klären. Und es lassen sich weitere Beispiele für dieses symptomatische Vorgehen der Landesregierung nennen:
- Der Fachkräftemangel wird verwaltet, aber nicht behoben.
- Belastungen werden verteilt, aber nicht reduziert.
- Investitionen erfolgen punktuell, statt einer nachhaltigen Personal- und Infrastrukturstrategie zu folgen.
Die Folgen dieses Handelns treffen vor allem diejenigen, die ohnehin benachteiligt sind. Kinder aus einkommensarmen Familien, mit besonderem Unterstützungsbedarf oder mit Flucht- und Migrationserfahrungen sind auf starke öffentliche Bildungseinrichtungen angewiesen. Wenn Förderung ausfällt und Unterstützungssysteme fehlen, wachsen die Ungleichheiten weiter. Das ist nicht nur ein bildungspolitisches Problem. Es ist eine soziale und demokratische Herausforderung. Menschen, die von Bildungs- und Teilhabechancen ausgeschlossen werden, verlieren das Vertrauen in die Fairness unserer Gesellschaft. Bildungsgerechtigkeit ist deshalb eine zentrale Voraussetzung für sozialen Zusammenhalt und demokratische Stabilität.
Für Problemlösungen wird politischer Wille und Perspektivwechsel benötigt
Mit der Enquetekommission Chancengleichheit in der Bildung hat der NRW-Landtag die Diagnose längst gestellt. Die Probleme sind bekannt, die Empfehlungen liegen vor. Was fehlt, ist der politische Wille der Landesregierung, mit den demokratischen Parteien im Landtag überparteilich aus der gestellten Diagnose gemeinsam konsequente Prioritäten abzuleiten. Damit Chancengleichheit ernsthaft verbessert werden kann. Statt immer neuer Projekte benötigen Kitas und Schulen Verlässlichkeit, Entlastung, ausreichende Ressourcen und eine nachhaltige Personalstrategie. Evidenz- und datenbasierte Unterrichtsentwicklung bleibt wirkungslos, wenn daraus keine Fördermaßnahmen für individuelle Förderung abgeleitet werden können und Fachkräfte fehlen, diese umzusetzen. Die modernste Ausstattung ersetzt keine Zeit für pädagogische Beziehungen. Und kein Erlass kann kompensieren, was durch jahrelange Unterfinanzierung versäumt wurde. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist deshalb ein Perspektivwechsel notwendig. Bildungsausgaben dürfen nicht als Kosten betrachtet werden, sondern als Investitionen in die Zukunft des Landes. Jeder Euro, der in frühkindliche Bildung, Grundschulen und qualitativ hochwertigen Ganztag investiert wird, erhöht Bildungsgerechtigkeit dort, wo die Weichen für einen Bildungserfolg gestellt werden, und stärkt langfristig gesellschaftlichen Zusammenhalt, demokratische Teilhabe sowie wirtschaftliche Entwicklung.







