lautstark. 04.07.2026

Übergang von der Kita ins Klassenzimmer

Frühkindliche BildungGrundschule

Schulfähigkeit und Schuleingangsphase: Wie läuft's?

Der Übergang von der Kita in die Grundschule ist nicht nur eine Herausforderung für die Kinder, sondern auch für die Einrichtungen. Welche das sind und wie diese Phase gestaltet wird, darüber haben wir mit zwei GEW-Kolleg*innen gesprochen: mit der Bonner Kitaleiterin Sandra Au und mit Thomas Ridder-Padberg, Sozialpädagoge an einer Kölner Grundschule.

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  • im Interview: Sandra Au
  • Funktion: Leiterin der städtischen Kita Friedrich-Wöhler-Straße in Bonn
  • im Interview: Thomas Ridder-Padberg
  • Funktion: Sozialpädagoge an der Kölner Grundschule Kunterbunt sowie Personalrat Grundschule
  • Interview von: Nadine Emmerich
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Wie ist der Übergang gestaltet: Gibt es Kooperationsformate?

Thomas Ridder-Padberg: Bei uns in Köln arbeiten wir eng mit den Kindertagesstätten, der Schulärztin und dem Frühförderzentrum zusammen, weil wir als Schule im Brennpunkt besondere Herausforderungen haben. Unsere Schule hat ein eigenes Konzept: „Erfolgreich Starten“. Alle Kinder durchlaufen ein Screeningverfahren. Wir ziehen auch das schulärztliche Gutachten hinzu. Außerdem laden wir die Kinder schon vor der Einschulung vier- bis sechsmal ein. Weil wir jahrgangsübergreifende Familienklassen haben, lernen sie früh ihre*n Klassenlehrer*in und ihre Mitschüler*innen kennen.

Sandra Au: Ich komme aus Bonn, auch dort kooperieren Schulen und Kitas miteinander. Allerdings ist das von Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich. Ich leite eine Kita, die Kinder an sechs Grundschulen abgibt. Mit manchen Schulen arbeiten wir intensiver zusammen, weil mehr Kinder dorthin wechseln. Es gibt Schulen, die schon vor der Einschulung kleine Programme anbieten. Die Kinder gehen dann zweimal pro Woche morgens dorthin. Es kommt aber auch vor, dass Schulen gute Konzepte haben, die sie wegen Personalmangels kaum umsetzen können.

Was ist für die Kitakinder die größte Herausforderung? Und worin besteht sie für die Fachkräfte?

Sandra Au: Viele Kinder erleben den Wechsel als große Umstellung. In der Kita versuchen wir, stark auf ihre Bedürfnisse einzugehen. In der Schule erleben sie dann oft mehr Vorgaben und weniger Freiheit. Um Kinder gut begleiten zu können, brauchen wir vor allem Zeit im Alltag. Für einen guten Übergang bräuchten wir deutlich mehr personelle und zeitliche  Ressourcen auf beiden Seiten.

Welche Erwartungen haben die Grundschulen?

Thomas Ridder-Padberg: Erst einmal sollen die Kinder gut ankommen und sich sicher fühlen. Schule ist für sie eine völlig neue Situation. Sie müssen lesen, schreiben und rechnen lernen und gleichzeitig mit neuen Strukturen klarkommen. Der Schulalltag ist oft auch deutlich länger und der Druck ist größer als im Kindergarten. Die deutsche Sprache ist natürlich zentral. Die Kinder müssen verstehen können, was von ihnen erwartet wird. Manche kommen sofort gerne in die Schule, andere sind erst einmal überfordert. Es ist wichtig, allen Kindern gerecht zu werden und alle mitzunehmen. Aber wir als Schule haben auch einen Bildungsauftrag.

Viele Kinder erleben den Wechsel als große Umstellung. In der Kita versuchen wir, stark auf ihre Bedürfnisse einzugehen. In der Schule erleben sie dann oft mehr Vorgaben und weniger Freiheit. Um Kinder gut begleiten zu können, brauchen wir vor allem Zeit im Alltag. Für einen guten Übergang bräuchten wir deutlich mehr personelle und zeitliche Ressourcen auf beiden Seiten.

Auf welches Spektrum von Kompetenzen beziehungsweise mangelnden Fähigkeiten treffen Sie, wenn die Kinder in die Schule kommen?

Thomas Ridder-Padberg: Neben Problemen mit der deutschen Sprache gibt es Defizite im Bereich Bewegung. Die Feinmotorik liegt oft im Argen, zum Beispiel die Stifthaltung. Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme nehmen zu, das führe ich auch auf den exzessiven Medienkonsum zurück. Oftmals fehlen soziale Kompetenzen, etwa Empathievermögen oder der Umgang mit Erwachsenen. Auch Regeln zu akzeptieren fällt vielen Kindern immer schwerer. Natürlich ist das von Schule zu Schule und von Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich, aber das sind schon Themen, die viele Kinder betreffen.

Sandra Au: Wir arbeiten stärkenorientiert: Wo können wir die Kinder fördern? Sie kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen zu uns. In meiner Kita sprechen 80 Prozent der Kinder zu Hause kein Deutsch, sodass Sprachförderung früh beginnt. Als ich in den 90er-Jahren angefangen habe, kamen Kinder „trocken“ mit drei Jahren zu uns. Heute kommen sie häufig früher in die Kita und verbringen mehr Zeit bei uns. Wir wickeln teils noch Fünfjährige. Sich alleine anzuziehen, seine Sachen selbst zu tragen und für sich selbst zu sorgen, sind wichtige Kompetenzen für die Kita und die Schule. Viele Kinder bekommen diese Kompetenzen nicht mehr selbstverständlich im Elternhaus vermittelt. Diese Dinge zu fördern und aufzufangen, nimmt in unserem Alltag sehr viel Zeit in Anspruch.

Ist die Schuleingangsuntersuchung aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Sandra Au: Das hängt stark von den Personen ab, die die Untersuchung durchführen. Manche Kinder zeigen dort gar nicht, was sie können. Es kommt vor, dass Ärzt*innen bei uns anrufen und Rücksprache halten, zum Beispiel vor einer möglichen Rückstellung.

Thomas Ridder-Padberg: Wir haben eine sehr gute Schulärztin, die auf die Kinder eingeht und klar benennt, wo jemand Unterstützung braucht. Grundsätzlich halte ich die schulärztlichen Untersuchungen für wichtig, auch um Entscheidungen über Rückstellungen gemeinsam abzusichern – also zusammen mit Kita, Frühförderung, Eltern und Schule. Manchmal höre ich aber auch: Für zurückgestellte Kinder gibt es gar keine Kitaplätze mehr.

Sandra Au: Ich halte immer ein paar Kitaplätze frei. Wir haben 30 Vorschulkinder, und ich kenne deren Kompetenzen ja. Im aktuellen Jahrgang haben viele Kinder Förderbedarf. Die Erfahrung hat gezeigt, dass nicht immer alle eingeschult werden.

Werden häufig Kinder eingeschult, die besser noch zurückgestellt worden wären?

Thomas Ridder-Padberg: Durch die Veränderung der Stichtagsregelung¹ auf den 30. September kommen mehr Fünfjährige in die Grundschule. Und ich bin mir nicht sicher, ob alle Schulen darauf gute Antworten haben. Deshalb glaube ich, dass man diese Regelung wieder zurückführen sollte, vielleicht auf den 30. Juni. Das wäre für die Kitas sicher eine Herausforderung, aber langfristig wahrscheinlich hilfreich für die Kinder. Vielleicht bräuchte man wieder Modelle wie eine Klasse 0, um gute Startchancen für alle Kinder zu schaffen und ihnen somit mehr Zeit zum Ankommen zu geben.

Sandra Au: Bei sehr jungen Kindern denke ich auch oft: „Eigentlich würde dir noch etwas mehr Zeit guttun.“ Es gibt Kinder, die von einer Rückstellung profitieren, aber auch Kinder, bei denen das nicht der richtige Weg ist, weil sie eine ganz andere Förderung bräuchten.

¹ Die Stichtagsregelung legt fest, bis wann ein Kind sechs Jahre alt sein muss, um im kommenden Schuljahr schulpflichtig zu werden.

Woran machen Sie persönlich fest, ob ein Kind schulreif ist?

Sandra Au: Oft merkt man das ungefähr ab Ostern. Dann wird den Kindern der Kindergarten sozusagen zu klein, sie wollen etwas Neues. Manche können schon lesen und viele entwickeln einfach Lust darauf, in die Schule zu gehen, etwas zu leisten und mehr Dinge selbstständig zu machen. Wichtig ist, dass die Kinder sozial und emotional gestärkt sind.

Müssen Kinder schulfähig oder muss das System kindfähig werden?

Thomas Ridder-Padberg: Schule muss kindgerecht sein, aber Kinder müssen auch schulfähig werden – sich konzentrieren können, sich mit Dingen beschäftigen, die auch mal langweilig sind, durchhalten.

Sandra Au: Ich finde den Begriff kindfähig gut. Denn wir schauen ja genau darauf: Woran haben Kinder Interesse und wie kann man daran anknüpfen? Und Bildung ist auch immer Bindung, im Kindergarten sowieso und später in der Schule natürlich auch.

Was müsste aus Ihrer Sicht mehr fokussiert werden?

Thomas Ridder-Padberg: Sprache bleibt zentral. Aber die emotionale und soziale Entwicklung der Kinder hat noch einmal deutlich an Bedeutung gewonnen. Aufmerksamkeit, Konzentration und Wahrnehmung müssten viel stärker gefördert werden.

Sandra Au: Für mich gehört dazu auch ausreichend Bewegung. Viele Kinder haben viel zu wenig Raum, die Familien wohnen oft beengt.

Es gibt auch Kinder, die gar keine Kita besuchen. Was bedeutet das für den Schuleingang?

Thomas Ridder-Padberg: Wenn Kinder keine Kita besucht haben, sind die Sprachdefizite deutlich größer. Ich bin klar für ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr.

Manche kommen sofort gerne in die Schule, andere sind erst einmal überfordert. Es ist wichtig, allen Kindern gerecht zu werden und alle mitzunehmen. Aber wir als Schule haben auch einen Bildungsauftrag.

Was halten Sie von den geplanten ABC-Klassen, um Kinder mit Sprachförderbedarf vor der Einschulung intensiver zu fördern?

Thomas Ridder: Grundsätzlich ist das ein guter Ansatz. Aber es bleiben viele Fragen offen. Das geht bei den Räumen los, in Kitas und Schulen fehlen sie oft. Kommunen und Schulträger sollen die Fahrtkosten übernehmen, aber wie realistisch ist das? Schulärztliche Untersuchungen sollen vorgezogen werden, auch das geht nicht von heute auf morgen. Es sollen 1.650 Stellen geschaffen werden: Woher kommen die Fachkräfte? Und wenn Sozialpädagog*innen und Grundschullehrkräfte im Grunde das Gleiche tun, müssten sie auch gleich bezahlt werden. Das ist eher ein gewerkschaftliches Thema, aber trotzdem relevant.

Müssen mehr Kinder die erste Klasse wiederholen?

Thomas Ridder-Padberg: Ja, weil die Kinder mit immer schlechteren Voraussetzungen eingeschult werden. Um das Sitzenbleiben abzumildern, wurde die Schuleingangsphase² eingeführt. Die Grundschulzeit kann in vier oder fünf Jahren durchlaufen werden. Wenn Kinder mehr Zeit brauchen, bekommen sie diese. Bei uns fällt das wegen der jahrgangsübergreifenden Familienklassen auch kaum auf, weil es keinen Wechsel gibt – die Kinder bleiben in Jahrgang 1 bis 4 in denselben Räumen, mit denselben Lehrkräften und Klassen.

²  Ziel der Schuleingangsphase ist es, alle schulpflichtigen Kinder eines Jahrgangs in die Grundschule aufzunehmen und sie ihrer individuellen Entwicklung entsprechend zu fördern. Sie kann in einem Jahr, in zwei oder in drei Jahren durchlaufen werden.

Welche Verbesserungen oder Unterstützung wünschen Sie sich?

Thomas Ridder-Padberg: Wichtig wären kleinere Klassen und vor allem mehr Zeit, vielleicht auch eine längere gemeinsame Grundschulzeit. Für gelingende Inklusion müsste insgesamt mehr getan und konsequenter gehandelt werden. Und vielleicht ist das ein spezielles Kölner Problem, aber ich wünsche mir bessere räumliche Bedingungen in Schulen. Das ist wichtig für das Wohlbefinden und dafür, ob Kinder gerne in die Schule gehen.

Sandra Au: Bei uns ist es der Betreuungsschlüssel, der an wissenschaftliche Anforderungen angepasst werden müsste. Trotz voller Besetzung arbeiten wir nur mit Mindestpersonal. Bei Krankheit oder Urlaub von Mitarbeitenden wird es sofort eng. Und wir haben viele Kinder mit Förderbedarf. Die Zusammenarbeit mit Eltern und Frühförderstellen und das Verfassen der dazu gehörenden Berichte kosten viel Zeit, die uns im Alltag fehlt. Es wird alles eher schwieriger als besser. Das wirkt sich auch auf den Übergang in die Schule aus. 

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