Schule 18.06.2026

Klassenchats: Welche Verantwortung Schule trägt

MedienkompetenzBelastungDatenschutz
  • Autor*in: Anne Petersohn
  • Funktion: Freie Journalistin

Es braucht klare Haltung und Regeln – aber auch strukturelle Veränderungen

Ob Verabredungen, Hausaufgaben oder Unterrichtsausfall: Fast alle Kinder und Jugendlichen tauschen sich in Klassenchats auf dem Handy aus. Neben alltäglichen Themen werden Schüler*innen dort jedoch auch mit Mobbing und strafbaren Inhalten konfrontiert. Das hat weitreichende Folgen für den Alltag von Lehrkräften.

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Eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des WDR zeigt, dass Inhalte von Klassenchats von vielen Schüler*innen als problematisch empfunden werden. Demnach berichtete jede*r dritte Befragte von unangenehmen oder belastenden Eindrücken. Jede*r Vierte hat sich demnach schon Sorgen gemacht, weil etwas im Klassenchat gepostet wurde. Und jede*r Sechste hatte wegen problematischer Inhalte schon mal keine Lust, in die Schule zu gehen. 

Zahlen decken sich mit praktischen Erfahrungen

Diese Zahlen decken sich mit praktischen Erfahrungen von Lehrkräften, wie Caroline Lensing aus ihrem Alltag als Gymnasiallehrerin berichtet. „Was in den Klassenchats passiert, überschattet das Schulleben – obwohl die Themen nicht immer im schulischen Zusammenhang stehen“, sagt die stellvertretende Vorsitzende der GEW NRW.  Fast täglich seien Lehrer*innen gefordert, um Streitereien aus Klassenchats zu schlichten. „Manchmal sind es nur kleine Nickeligkeiten, manchmal massive Beleidigungen. Wir müssen dann die Pausen und manchmal auch ganze Unterrichtsstunden nutzen, um Schüler*innen mit den Folgen ihres Handelns zu konfrontieren.“

Der digitale Raum lasse bei manchen Kindern und Jugendlichen die Hemmschwelle sinken, andere zu beleidigen. „Ich frage dann immer: ‚Stell dir vor, die Person steht direkt vor dir: Würdest du das dann auch so sagen?‘“, erzählt Caroline Lensing. Mehrmals im Halbjahr seien Fälle von Hass und Mobbing so gravierend, dass auch die Eltern betroffener Schüler*innen einbezogen werden müssten. „Das frisst Ressourcen und Energie für eine Sache, deren Konfliktursache oft außerhalb des schulischen Alltags liegt.“

Größter Teil der Diskussionen: Streit und Diskriminierung 

Erfahrungsberichte aus der Praxis zeigten, dass Streit und Diskriminierung den weitaus größten Teil der Diskussionen in Klassenchats ausmachten. Daneben gebe es aber auch Fälle, bei den Schüler*innen strafrechtlich relevante Inhalte verbreiteten – von rechtsextremer Propaganda bis zu Kinderpornografie. „Wenn Lehrkräfte auf solche Themen aufmerksam werden, ist das Verfahren an den meisten Schulen klar geregelt“, sagt Caroline Lensing. Meist sei es Aufgabe der Lehrkräfte, die Schulleitung anzusprechen. „Sie kümmert sich dann darum, dass die Polizei informiert wird und Disziplinarverfahren eingeleitet werden.“ 

Genaues Hinsehen brauche es gerade bei Schüler*innen unter 14 Jahren, da sie noch nicht strafmündig seien. „Hier sollten innerhalb der Schule gute Absprachen getroffen werden, damit solche Fälle nicht zu lasch behandelt werden.“ Lehrkräfte könnten in der Schulkonferenz gemeinsam mit Eltern und Schüler*innen überlegen, auf welcher Eskalationsstufe der jeweilige Fall anzusiedeln sei. „Bei Bedarf können sich Schulen an die Schulaufsicht wenden und sich beraten lassen“, empfiehlt Caroline Lensing. Selbst Mitglied des Klassenchats zu werden, sei jedoch keine gute Idee: „Wir raten Lehrkräften dringend davon ab, in den Gruppen aktiv zu sein. Denn sie werden dann auch nach Unterrichtsschluss permanent mit den Inhalten konfrontiert.“ Glücklicherweise gebe es inzwischen ausreichend digitale Plattformen an Schulen. „Darüber ist es möglich, ganz gezielt mit Kindern und Jugendlichen zu kommunizieren.“ 

Einbindung weiterer Professionen und Prävention ist wichtig

Langfristig brauche es strukturelle Veränderungen in unterschiedlichen Bereichen, um Probleme mit Klassenchats zu lösen, sagt die stellvertretende GEW NRW-Vorsitzende. „Einerseits ist es wichtig, Prävention zu betreiben und Medienkompetenz zu vermitteln“, betont sie. „Dafür wäre es ideal, mehr Sozialarbeiter*innen in die Schulen zu holen, die eine Zusatzausbildung in diesem Bereich absolviert haben.“ Angesichts knapper Ressourcen dürfe diese Aufgabe nicht auch noch den Lehrkräften aufgebürdet werden. „Wir sollen verschiedenste Inhalte vermitteln, aber bekommen weder die Zeit noch die Mittel dafür“, beklagt Caroline Lensing. 

Zusätzliche Kapazitäten könne die Einbindung weiterer Professionen, etwa der Schulpsychologie oder der Pflege, mit sich bringen: „Andere Länder bieten Unterstützung für Klassenleitungen an, indem etwa Krankenschwestern bei medizinischen Problemen vor Ort sind. Wenn dann noch Klassenbücher und Entschuldigungen von anderen Personen verwaltet würden, könnten sich Lehrkräfte wieder auf ihre Kernaufgaben konzentrieren.“

Plattformbetreiber mehr in die Pflicht nehmen

Dabei dürfe sich die Präventionsarbeit jedoch nicht allein an die Kinder und Jugendlichen in den Schulen richten. „Wir wissen, dass die Erziehungskompetenz in den Familien nachgelassen hat und dass immer mehr Eltern die zentralen Erziehungsaufgaben an Institutionen abschieben. Daher wäre es wichtig, auch sie von Anfang an zu adressieren, und zwar am besten schon in der Kita.“ 

Darüber hinaus brauche es auch politisches Handeln, betont Caroline Lensing. So sollten Plattformbetreiber mehr in die Pflicht genommen werden: „Wenn Kinder wirklich geschützt werden sollen, müssten im Zweifel auch IP-Adressen identifiziert werden, um Schuldige zu ermitteln.“ Hosts von Websites mit problematischen Inhalten müssten damit identifizierbar gemacht und für ihr Handeln bestraft werden.