Chancengleichheit 19.03.2026

ABC-Klassen: Ist das Konzept wirklich umsetzbar?

ChancengleichheitFrühkindliche BildungSozialpädagogikFachkräfte in der SchuleingangsphaseGrundschule
  • Autor*in: Anne Petersohn
  • Funktion: freie Journalistin

Wie sollen Schulen die räumlichen und personellen Herausforderungen meistern

Gezielte Sprachförderung ein Jahr vor Schuleintritt: Mit sogenannten ABC-Klassen will die NRW-Landesregierung für einen besseren Bildungserfolg und Chancengleichheit sorgen. Expert*innen halten den Ansatz für grundsätzlich richtig. Sie zweifeln jedoch am Konzept und der Machbarkeit angesichts fehlender Ressourcen.

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„Sprache ist der Schlüssel zu Bildung und Teilhabe“, betont Nicole Jagowski, GEW NRW-Expertin für sozialpädagogische Fachkräfte in der Schuleingangsphase. Es sei daher von zentraler Bedeutung, Kinder beim Erwerb sprachlicher Kompetenzen gezielt zu unterstützen. Das Konzept der ABC-Klassen weise jedoch gleich in mehrfacher Hinsicht Kritikpunkte auf. 

Konzept lässt zentrale wissenschaftliche Erkenntnisse außer Acht

Das betreffe zunächst die angedachte inhaltliche und organisatorische Ausgestaltung der Sprachförderung. „Der Spracherwerb darf nicht isoliert betrachtet werden, sondern muss in den Alltag der Kinder eingebettet sein“, sagt Nicole Jagowski. So sollten die Kinder innerhalb ihres vertrauten Umfeldes an ihren sprachlichen Fähigkeiten arbeiten. „Dieser Ansatz wird in vielen Kitas schon seit Jahren praktiziert. Er vermittelt deutlich mehr Motivation, eine Sprache zu lernen, als ein rein kognitiv geleitetes Vorgehen, wie es die ABC-Klassen vorsehen.“ Zudem ließe das vorgelegte Konzept zentrale wissenschaftliche Erkenntnisse zum Spracherwerb außer Acht, ergänzt Jana Koch, Personalrätin, Sonderpädagogin und Mitglied des Leitungsteams in der Fachgruppe Grundschule der GEW NRW. „Die Erstsprache eines Kindes hat großen Einfluss darauf, wie ein Kind Deutsch lernen kann und sollte. Kinder willkürlich und unabhängig von ihrer Muttersprache fördern zu wollen, ist daher wenig sinnvoll.“

Hinzu komme die hohe Anstrengung, die Kindern und Eltern abverlangt werde: „Die Kinder sollen zwei Mal pro Woche in eine völlig fremde Umgebung gebracht werden und sich dort ohne die Hilfe von Bezugspersonen zurechtfinden – das kann Stress, Unsicherheit und Angst erzeugen, und die sind bekanntermaßen schlechte Lernbegleiter“, sagt Jana Koch. Angesichts langer Anfahrtszeiten könnten zudem Konzentration und Aufnahmefähigkeit der Kinder leiden. „Das stellt den Erfolg einer Sprachförderung unter diesen Umständen erheblich in Frage.“

Nicole Jagowski, Expertin der GEW NRW für sozialpädagogische Fachkräfte in der Schuleingangsphase.

Maßnahmen müssen auch Eltern adressieren

Um Wirkung zu zeigen, müssten die Maßnahmen auch die Eltern adressieren. „Sie müssen abgeholt und engmaschig mit eingebunden werden, wenn eine Förderung, welcher Art auch immer, erfolgreich sein soll“, betont Nicole Jagowski. Dabei gehe es insbesondere darum, Wertschätzung für Mehrsprachigkeit und damit verbundene Identität zu vermitteln. Gezielte Angebote in Kitas oder Familienzentren, etwa in Form von Elterncafés oder Eltern-Kind-Kochkursen, könnten gute Anreize für die Sprachförderung zu Hause liefern. „Damit erhöht sich auch die Bereitschaft, die Sprache zu lernen.“ Das jetzt vorgestellte Konzept baue aber vor allem Druck auf die Eltern auf: „Sie müssen, unter Androhung von Strafen, dafür Sorge tragen, dass ihr Kind regelmäßig zu den geplanten Fördermaßnahmen erscheint.“ Eine solche Herangehensweise löse erfahrungsgemäß Widerstände aus. 

Jana Koch, Personalrätin, Sonderpädagogin und Mitglied des Leitungsteams in der Fachgruppe Grundschule der GEW NRW.

Für Einführung der ABC-Klassen braucht es allein rund 1650 Lehrkräfte

Nicht zuletzt sei völlig unklar, wie Schulen die räumlichen, zeitlichen und personellen Herausforderungen meistern könnten. Laut NRW-Schulministerium brauche es demnach allein rund 1650 Lehrkräfte, um die Einführung der ABC-Klassen umzusetzen. „Angesichts der derzeitigen personellen Unterversorgung an vielen Schulen stellt sich die Frage, wo diese zusätzlichen Lehrkräfte herkommen sollen“, sagt Jana Koch. Ein Ansatz könne sein, die geplanten Maßnahmen mit Kolleg*innen aus anderen Disziplinen, etwa Sozialpädagog*innen, zu organisieren. Allerdings herrsche auch hier bereits Fachkräftemangel. Je nach beruflichem Hintergrund müssten Bewerber*innen zudem eine Qualifikation im Bereich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) erwerben. „In jedem Fall muss gewährleistet sein, dass diese Fachkräfte angemessen vergütet werden“, betont Nicole Jagowski.

Vermutlich müssten die bestehenden Teams viele der neu anfallenden Aufgaben schultern. Daraus entstünden nicht nur weiter steigender Zeitdruck und zusätzliche Belastungen für die ohnehin schon am Limit arbeitenden Kolleg*innen. „Auch für eine Förderung der Kinder, die sich bereits im System befinden, bleibt kaum noch Zeit. Das gesamte System droht zu kollabieren“, sagt Jana Koch. Das gelte insbesondere für Schulen mit hohem Sozialindex: Sie müssten vermutlich gleich mehrere ABC-Klassen einrichten und seien zusätzlich besonders stark vom Lehrkräftemangel betroffen.

Weitere Räume finden? Praktisch unmöglich!

Unabhängig vom Schulstandort fehle der Platz für die neue Förderung. Schon jetzt müssten die meisten Schulen im Alltag improvisieren, um Unterricht, OGS-Betrieb und Fördermaßnahmen parallel unterbringen zu können. In dieser Situation weitere Räume zu finden, sei praktisch unmöglich. „Nur in einer angenehmen und altersentsprechenden Lernumgebung kann Lernen erfolgreich gelingen. Daher fallen die meisten Räumlichkeiten außerhalb von Schule oder Kindertageseinrichtung raus“, erklärt Nicole Jagowski. 

Für die Kommunen als Schulträger komme eine weitere Mammutaufgabe hinzu: „Sie müssen nicht nur für die benötigten Materialien, für Screenings und Förderung sorgen, sondern auch organisieren, dass die Kinder zu den Räumlichkeiten gebracht werden“, sagt Jana Koch. In den bisher veröffentlichten Stellungnahmen des Ministeriums sei von Schulbusfahrten oder kostenlosen Fahrkarten für Kinder und deren Begleitpersonen die Rede. „Ab wann ein Transport gewährt wird, ist aber nicht festgelegt“, bemängelt Jana Koch. „Reiche Kommunen können hier vermutlich großzügiger verfahren als arme. Gerade dort leben aber verhältnismäßig viele Familien mit aktueller Zuwanderungsgeschichte.“ Von Chancengleichheit könne dann keine Rede mehr sein.

Fokus auf sprachliche Kompetenzen befördert eine Ungleichbehandlung

Auch der ausschließliche Fokus auf sprachliche Kompetenzen befördere eine Ungleichbehandlung: „Natürlich bestehen die Defizite in der Sprachentwicklung hauptsächlich bei Kindern mit Migrationshintergrund oder Zuwanderungsgeschichte. Diese Kinder aber nur darauf zu reduzieren und ihre anderen Talente außer Acht zu lassen, wird ihnen nicht gerecht“, betont Nicole Jagowski. Die Konzentration auf nur eine Gruppe mit einem spezifischen Förderbedarf sei aber noch in weiterer Hinsicht problematisch. Denn es gebe auch Kinder, die in anderen Entwicklungsbereichen Unterstützung benötigten. Sie blieben in der Förderung unberücksichtigt. „Unterm Strich entsteht eine Stigmatisierung der einen Gruppe und eine Vernachlässigung der anderen. So wird keine Chancengleichheit geschaffen, sondern – im Gegenteil – eine Chancenungleichheit noch verstärkt.“

Was aber ist notwendig, um sprachliche Kompetenzen bei Kindern erfolgreich zu fördern, ohne Beschäftigte zu überlasten? „Kurz zusammengefasst könnte man sagen, dass wir mehr Geld, mehr Menschen, mehr Räume, mehr Material und vor allem mehr Zeit brauchen, um über Institutionen hinweg gemeinsam arbeiten und uns austauschen zu können“, sagt Jana Koch. Nur so entstehe die Möglichkeit, für jedes Kind ein individuell abgestimmtes Paket zu schnüren. Darüber hinaus müsse ein umfassendes Förderkonzept entwickelt werden, ergänzt Nicole Jagowski: „Es sollte einerseits die Kinder und ihre Familien, aber auch den Bildungsweg ab der frühkindlichen Bildung denken.“ Dafür brauche es ganzheitliche Konzepte, die neben der Sprache auch weitere Kompetenzbereiche umfassten.

Die Landesregierung sei in der Pflicht, auskömmliche personelle und materielle Ressourcen für die frühkindliche Bildung zur Verfügung zu stellen. Doch die geplante KiBiz-Reform in NRW stelle genau dieses Ziel erneut in Frage, betont Jana Koch: „Gelder in den Kitas zu kürzen, wo sprachliche Bildung beginnt, ist der absolut falsche Weg.“ 

Einordnen & verstehen

Zum Hintergrund

Die Landesregierung will eine verpflichtende Sprachförderung für Kinder mit Entwicklungsbedarf im Bereich Sprache schon vor dem Schuleintritt einführen. Stellen Schulen bei der Schulanmeldung Sprachdefizite fest, sollen betroffene Kinder ab dem Sommer 2028 zweimal pro Woche für jeweils zwei Stunden sogenannte ABC-Klassen besuchen. Der Zeitpunkt der Schulanmeldungen wird hierfür vom Herbst auf das Frühjahr 2028 vorgezogen. Die Teilnahmeverpflichtung gilt für Kinder, die ab dem 1. August 2029 schulpflichtig werden.