Wir alle wissen, dass pädagogische Fachkräfte in Kitas schon heute am Limit arbeiten. Personalmangel, hohe Krankenstände, stetig wachsende Anforderungen und unzureichende Zeit für pädagogische Arbeit dominieren den Alltag. Erzieher*innen erleben sich nicht mehr als Bildungsvermittler*innen, sondern zunehmend nur noch als Betreuer*innen. Der Gesetzentwurf greift diese strukturellen Probleme nicht grundlegend auf. Statt Entlastung drohen zusätzliche organisatorische Aufgaben und neue Unsicherheiten in der Dienstplanung. Auch besteht die Gefahr, dass sich die Arbeit und damit zusammenhängend auch die Bildung weiter fragmentiert. Für die Beschäftigten bedeutet das: noch weniger Verlässlichkeit –noch mehr Druck. Für die Kinder heißt das eine Entfernung von ganzheitlicher frühkindlicher Bildung, somit weniger Chancengleichheit.
So sinken Qualitätsstandards
Die Einführung von Kern- und Randzeiten sowie buchbarer Betreuungszeiten in 5-Stunden-Schritten verkauft die Landesregierung als bedarfsgerechte Lösung. In der Praxis führt dieses Modell jedoch zu ständig wechselnden Kindergruppen, instabilen Tagesabläufen und kaum planbaren Personaleinsätzen. Pädagogische Kontinuität, aus meiner Sicht ein zentraler Qualitätsfaktor frühkindlicher Bildung, wird untergraben. Für die Beschäftigten erschwert dies die Beziehungsarbeit, erhöht den Koordinationsaufwand und verschärft die Belastung im Alltag. Das Land senkt hier Qualitätsstandards ab und verschlechtert die Arbeitsbedingungen mit Ansage.
Finanzierungssystem wirft erhebliche Fragen auf
Auch das geplante Finanzierungssystem wirft erhebliche Fragen auf. Ich bezweifle, dass die vorgesehenen Mittel die realen Kosten decken, insbesondere angesichts steigender Personal-, Sach- und Mietkosten. Das heißt nichts anderes als das Verlagern des finanziellen Risikos auf Kommunen und Träger, die vielerorts bereits an ihrer Belastungsgrenze sind. Das gefährdet nicht nur die Qualität der Angebote und die Existenz einzelner Einrichtungen, sondern verschärft auch die soziale Spaltung, weil finanzschwache Kommunen sich „gute Angebote“ nicht leisten können. Aber gerade dort schlagen Kinder mit mehr Förderbedarf auf.
Maßnahmen greifen zu kurz
Die Landesregierung will mit der Reform dem Fachkräftemangel begegnen. Die vorgesehenen Maßnahmen wie etwa mehr Quereinstiege oder verkürzte Qualifizierungen greifen jedoch zu kurz. Ohne deutlich bessere Arbeitsbedingungen, verbindliche Personalschlüssel, echte Entlastung und eine spürbare Aufwertung des Berufs bleiben diese Ansätze wirkungslos. Der Entwurf bedeutet alles andere als Nachwuchsförderung. Er gefährdet sogar, dass Bestandspersonal abwandert. Was die angestrebte Verbesserung der „Chancengerechtigkeit“ für Kinder betrifft – ich spreche eher von Chancengleichheit – ist mit den geplanten Änderungen nicht nur kaum erreichbar, sondern kontraproduktiv. Chancengleichheit braucht stabile Beziehungen, ausreichend Personal, Zeit für Förderung und verlässliche Rahmenbedingungen. Doch all das wird durch Flexibilisierung und Unterfinanzierung eher geschwächt als gestärkt.
Natürlich gibt es auch positive Aspekte im vorliegenden Entwurf, das möchte ich nicht übergehen. Es ist gut, dass der Reformbedarf grundsätzlich anerkannt wird und einzelne Zuschläge sowie Anpassungen vorgesehen sind. Diese Schritte reichen jedoch nicht aus, um die strukturellen Probleme im System zu lösen.








