Kita 27.01.2026

Qualitätsverlust in der frühkindlichen Bildung droht

Frühkindliche BildungChancengleichheitEntlastung
  • Autor*in: Ayla Çelik
  • Funkton: Vorsitzende der GEW NRW

Kommentar zum Referentenentwurf zur KiBiz-Reform

Mit dem vorliegenden Entwurf zur Reform des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) verspricht die Landesregierung Nordrhein-Westfalen mehr Flexibilität, bessere Steuerung und mehr „Chancengerechtigkeit“. Aus Sicht der Bildungsgewerkschaft GEW NRW droht aber genau das Gegenteil. Denn der vorliegende Entwurf verschärft die belastenden Arbeitsbedingungen in Kitas, bedeutet ein Qualitätsverluste in der frühkindlichen Bildung und verlagert die finanzielle Verantwortung auf Kommunen und Träger.

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Wir alle wissen, dass pädagogische Fachkräfte in Kitas schon heute am Limit arbeiten. Personalmangel, hohe Krankenstände, stetig wachsende Anforderungen und unzureichende Zeit für pädagogische Arbeit dominieren den Alltag. Erzieher*innen erleben sich nicht mehr als Bildungsvermittler*innen, sondern zunehmend nur noch als Betreuer*innen. Der Gesetzentwurf greift diese strukturellen Probleme nicht grundlegend auf. Statt Entlastung drohen zusätzliche organisatorische Aufgaben und neue Unsicherheiten in der Dienstplanung. Auch besteht die Gefahr, dass sich die Arbeit und damit zusammenhängend auch die Bildung weiter fragmentiert. Für die Beschäftigten bedeutet das: noch weniger Verlässlichkeit –noch mehr Druck. Für die Kinder heißt das eine Entfernung von ganzheitlicher frühkindlicher Bildung, somit weniger Chancengleichheit.

So sinken Qualitätsstandards

Die Einführung von Kern- und Randzeiten sowie buchbarer Betreuungszeiten in 5-Stunden-Schritten verkauft die Landesregierung als bedarfsgerechte Lösung. In der Praxis führt dieses Modell jedoch zu ständig wechselnden Kindergruppen, instabilen Tagesabläufen und kaum planbaren Personaleinsätzen. Pädagogische Kontinuität, aus meiner Sicht ein zentraler Qualitätsfaktor frühkindlicher Bildung, wird untergraben. Für die Beschäftigten erschwert dies die Beziehungsarbeit, erhöht den Koordinationsaufwand und verschärft die Belastung im Alltag. Das Land senkt hier Qualitätsstandards ab und verschlechtert die Arbeitsbedingungen mit Ansage. 

Finanzierungssystem wirft erhebliche Fragen auf

Auch das geplante Finanzierungssystem wirft erhebliche Fragen auf. Ich bezweifle, dass die vorgesehenen Mittel die realen Kosten decken, insbesondere angesichts steigender Personal-, Sach- und Mietkosten. Das heißt nichts anderes als das Verlagern des finanziellen Risikos auf Kommunen und Träger, die vielerorts bereits an ihrer Belastungsgrenze sind. Das gefährdet nicht nur die Qualität der Angebote und die Existenz einzelner Einrichtungen, sondern verschärft auch die soziale Spaltung, weil finanzschwache Kommunen sich „gute Angebote“ nicht leisten können. Aber gerade dort schlagen Kinder mit mehr Förderbedarf auf.

Maßnahmen greifen zu kurz

Die Landesregierung will mit der Reform dem Fachkräftemangel begegnen. Die vorgesehenen Maßnahmen wie etwa mehr Quereinstiege oder verkürzte Qualifizierungen greifen jedoch zu kurz. Ohne deutlich bessere Arbeitsbedingungen, verbindliche Personalschlüssel, echte Entlastung und eine spürbare Aufwertung des Berufs bleiben diese Ansätze wirkungslos. Der Entwurf bedeutet alles andere als Nachwuchsförderung. Er gefährdet sogar, dass Bestandspersonal abwandert. Was die angestrebte Verbesserung der „Chancengerechtigkeit“ für Kinder betrifft – ich spreche eher von Chancengleichheit – ist mit den geplanten Änderungen nicht nur kaum erreichbar, sondern kontraproduktiv. Chancengleichheit braucht stabile Beziehungen, ausreichend Personal, Zeit für Förderung und verlässliche Rahmenbedingungen. Doch all das wird durch Flexibilisierung und Unterfinanzierung eher geschwächt als gestärkt.

Natürlich gibt es auch positive Aspekte im vorliegenden Entwurf, das möchte ich nicht übergehen. Es ist gut, dass der Reformbedarf grundsätzlich anerkannt wird und einzelne Zuschläge sowie Anpassungen vorgesehen sind. Diese Schritte reichen jedoch nicht aus, um die strukturellen Probleme im System zu lösen.

Die KiBiz-Reform darf nicht ohne substanzielle Nachbesserungen zum Gesetz werden!

Aus meiner Sicht sind eine auskömmliche, landesweit verlässliche Finanzierung, verbindliche und bessere Personalschlüssel, echte Leitungsfreistellung, Zeit für Vor- und Nachbereitung sowie Maßnahmen zum Gesundheitsschutz dringend notwendig. Frühkindliche Bildung darf nicht länger unter dem Primat von Sparlogik und Flexibilisierung stehen. Es darf nicht sein, dass in unserem Land, dessen einziger Rohstoff Bildung ist, mehr in Waffen investiert wird als in die Zukunft unserer Kinder.

Nach der Vorlage des Gesetzentwurfs beginnt nun das parlamentarische Verfahren. Die GEW NRW wird diesen Prozess kritisch begleiten, Position beziehen und politischen Druck aufbauen. Aus Sicht der GEW NRW darf diese KiBiz-Reform ohne substanzielle Nachbesserungen nicht zum Gesetz werden. Die Beschäftigten in den Kitas und die Kinder in NRW verdienen MEHR!