lautstark. 20.03.2026

Zukunft der GEW NRW: Heute das Morgen gestalten

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Kommentar zur Zukunft der GEW NRW

Bildung, Chancengleichheit und Teilhabe, gute Arbeitsbedingungen für die im Bildungssystem Beschäftigten, eine stabile Demokratie, Digitalisierung und künstliche Intelligenz – vor welchen inneren und äußeren Herausforderungen steht die GEW NRW als Bildungs- und Tarifgewerkschaft? Ayla Çelik, Vorsitzende der GEW NRW, skizziert, worauf es heute für die Zukunft ankommt.

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  • Ausgabe: lautstark. 01/2026 | Zukunft der Gewerkschaften. Wir packen's zusammen an
  • Autor*in: Ayla Çelik
  • Funktion: Vorsitzende der GEW NRW
Min.

Die Bedeutung der GEW als Bildungs- und Tarifgewerkschaft für gute Arbeit, gerechte Bildung – von der Kita bis zur Erwachsenenbildung – und eine stabile Demokratie war selten so groß wie heute. Gleichzeitig sehen wir, dass sich die Bedingungen verändern, unter denen Interessenvertretung funktioniert. Die Frage nach der Zukunft der Bildungsgewerkschaft ist daher keine abstrakte Debatte, sondern eine zutiefst praktische: Wie bleibt die GEW NRW handlungsfähig, relevant und wirksam – heute, in 10 und in 20 Jahren?

Für die Zukunft der GEW NRW kommt es auf Entscheidungen von heute an

Wenn wir also über die Zukunft der GEW NRW sprechen, sprechen wir nicht über ein fernes Szenario, sondern über Entscheidungen, die wir heute treffen. Ich bin überzeugt, dass unsere Gewerkschaft, ob in 10 oder in 20 Jahren, nur dann stark sein wird, wenn wir heute bereit sind, uns zu verändern, ohne unseren Kern preiszugeben. Bildung, Chancengleichheit und Teilhabe, gute Arbeitsbedingungen und Demokratie gehören aus meiner Sicht für uns untrennbar zusammen. Das war in unserer 75-jährigen Geschichte so, das ist heute so und das muss auch in Zukunft unser Maßstab bleiben.

Perspektivisch sehe ich die GEW NRW als eine handlungsfähige, solidarische Bildungsgewerkschaft für alle Beschäftigten im Bildungswesen. Wenn wir in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren denken, entscheidet sich, ob wir darüber hinaus eine gestaltende politische Kraft geblieben sind, die Bildung als öffentliches Gut verteidigt und aktiv zur Stabilisierung der Demokratie beiträgt. Bildung ist kein neutraler Raum und mehr als Qualifikation für den Arbeitsmarkt. 

Sie entscheidet über Chancen, gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Mündigkeit. Wer Bildung organisiert, trägt Verantwortung für die Zukunft der Demokratie, weil darüber entschieden wird, ob Menschen lernen, Verantwortung in einer demokratischen Gesellschaft zu übernehmen. Schulen, Kitas, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen sind Orte, an denen Vielfalt sichtbar wird, und sie müssen Orte sein, an denen Ausgrenzung keinen Platz hat und Anderssein kein Grund für Diskriminierung ist. Ich bin überzeugt, dass wir genau dafür stehen.

Bildung ist kein neutraler Raum und mehr als Qualifikation für den Arbeitsmarkt. Sie entscheidet über Chancen, gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Mündigkeit.

Bildung ist der Schlüssel für Teilhabe und Teilhabe ist die Voraussetzung für eine lebendige Demokratie

Ich weiß, gleichberechtigte Teilhabe ist – leider – nicht selbstverständlich. Sie muss politisch, institutionell und praktisch gesichert werden. Dazu gehören als Grundvoraussetzungen

  • der gleiche Zugang zu Bildung, unabhängig von sozioökonomischer Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung oder Migrationsgeschichte,
  • der Abbau struktureller Hürden wie Selektion und Diskriminierung,
  • die demokratische Mitbestimmung in Schule und Gesellschaft, 
  • die aktive Wertschätzung von Vielfalt und nicht zuletzt
  • materielle Absicherung.

Ohne die genannten Punkte ist aus meiner Sicht echte Teilhabe kaum möglich. Ihre Umsetzung ist nicht nur harte Arbeit, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung – zumal Rassismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit und Klassismus zunehmen und längst wieder offen ausgesprochen werden. Gerade deshalb müssen wir Teilhabe in unseren Bildungseinrichtungen erlebbar machen. Bildung ist der Schlüssel dafür. Sie befähigt junge Menschen, kritisch zu denken, Fakten von Fiktion zu unterscheiden und selbstbewusst zu handeln. Gute Bildung ist damit eine zentrale Voraussetzung für eine lebendige Demokratie.

Der Kern pädagogischer Verantwortung liegt darin, parteiisch für Demokratie zu sein

Und diese ist notwendiger denn je. Denn politisch spitzt sich die Lage weiter zu. Das Erstarken demokratiefeindlicher Kräfte und der Vorwurf, Schulen müssten „neutral“ sein, treffen uns unmittelbar. Unser Standpunkt ist klar: Schulen dürfen nicht neutral gegenüber Demokratiefeinden sein. Sie müssen parteiisch sein – parteiisch für Demokratie, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft. Das ist aus meiner Sicht Kern pädagogischer Verantwortung.

Unsere Aufgabe als Pädagog*innen, als Erzieher*innen, als Schulsozialarbeiter*innen und als Gewerkschafter*innen ist es, Strukturen so zu verändern, dass sie dem Ziel dienen, Teilhabe zu sichern, Vielfalt zu stärken und Ausgrenzung zu verhindern. Wir müssen Räume schaffen, in denen Kinder und Jugendliche erleben, dass sie gesehen und gehört werden und durch ihr Tun etwas bewirken.

Fachlich stark und politisch sichtbar

Die GEW NRW lebt davon, dass wir uns einmischen. Und das tun wir fachlich stark und politisch sichtbar. Zu unseren größten Errungenschaften in den vergangenen Jahren gehört Folgendes:

  • Wir haben die Evaluierung des schulscharfen Sozialindexes vorangetrieben, wonach Schulen mit besonderen Belastungen auch zusätzliche Ressourcen erhalten sollten. Doch die zusätzlichen Ressourcen werden nicht bedarfsdeckend zur Verfügung gestellt, sodass wir hier weiter der Politik auf die Füße treten werden.
  • Ganz besonders wichtig ist für uns die Einführung von A13 / EG13 für alle. Dieser Erfolg zeigt, was möglich ist, wenn wir gemeinsam Druck machen. Doch wir wissen auch: Das darf nicht das Ende sein. Infolge der Einführung von A13 / EG13 sind weitere Baustellen im Besoldungsgefüge entstanden, die auszuräumen sind. Beispiele hierfür sind Beförderungsämter, und Fragen wie: Wie geht man damit um? Wird es perspektivisch weitere Beförderungsämter geben? Die Lösung darf aus Sicht der GEW NRW nicht sein, Beförderungsämter, besonders für bestimmte Schulformen, zu streichen. Für Funktionsämter gilt das Gleiche. Zudem muss grundsätzlich auch die Situation der Fachlehrkräfte und der Werkstattlehrkräfte geklärt werden. Daher können wir mit dem momentanen Zustand nicht zufrieden sein. Hier wird die GEW NRW wie gewohnt für die Interessen ihrer Mitglieder kämpfen. Wenn es sein muss, auf juristischem Wege und dafür sorgen, dass Ungerechtigkeiten ausgeräumt werden. Wir führen drei Musterklagen:
    • Musterklage 1: Diese liegt seit 2022 dem OVG NRW zur Entscheidung vor. Hier fordern wir A13 Z, also A13 mit Strukturzulage, weil erst dadurch eine echte Gleichbezahlung realisiert sein wird.
    • Musterklage 2: Da die Beförderungsämter bei der Einführung von A13 nicht mitgedacht wurden (Abstandsgebot), fordern wir, dies zu korrigieren.
    • Musterklage 3: Hier fordern wir die Gleichstellung der Fachleitungen für die Lehrämter Grundschulen, Schulen der Sekundarstufe I und sonderpädagogische Förderung mit den Fachleitungen für die gymnasiale Oberstufe.

In der Konsequenz müssen wir die Besoldung weiterentwickeln und eine einheitliche Laufbahngruppe schaffen – Laufbahngruppe zwei, Einstiegsamt zwei für alle. Gleichwertige Arbeit braucht gleichwertige Strukturen.

Gewerkschaftliche Kernaufgabe: Entwicklungen bei Digitalisierung und künstlicher Intelligenz aktiv gestalten

Das gilt besonders mit Blick auf die Digitalisierung und den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI). Diese Entwicklungen verändern nicht nur Schule, Hochschule und Weiterbildung, sondern auch gewerkschaftliche Arbeit selbst. KI wird Routinen aufbrechen, Entscheidungsprozesse beschleunigen und Wissenshierarchien verschieben. Wir können diese Entwicklung nicht aufhalten,  aber wir können sie gestalten. Für uns heißt das: Digitalisierung darf nicht zu Entgrenzung, Kontrolle oder Entwertung von Arbeit führen. 

Sie muss den Beschäftigten dienen, nicht umgekehrt. Lernenden muss sie neue Möglichkeiten eröffnen, ohne zu manipulieren. Und sie zwingt uns, auch unsere eigene Organisation beweglicher, transparenter und beteiligungsorientierter zu machen: Mitgliederschwund, ein schwieriger Generationenwechsel und überlastete Ehrenamtliche fordern uns heraus. Diese Entwicklung – im Bildungsbereich sowie in unserer Organisation – aktiv zu gestalten und zu begleiten, ist auch gewerkschaftliche Kernaufgabe.

Gemeinsam Veränderungen bewirken

Wir sehen: Kleiner werden die Herausforderungen in den nächsten Jahren nicht. Aber wir sind bereit, heute die notwendigen Maßnahmen auf den Weg zu bringen – für eine Zukunft mit guter Bildung, mehr Chancengleichheit und Teilhabe, guten Arbeitsbedingungen und einer lebendigen, starken Demokratie. Und weil die GEW NRW die Summe ihrer Mitglieder ist, ist für mich die logische Konsequenz, dass wir die Zukunft der GEW NRW nur gemeinsam gestalten können. Nur gemeinsam und solidarisch können wir Veränderungen bewirken und unserem Anspruch gerecht werden.