

Was sind aktuell die großen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen in NRW?
Thorben Albrecht: Wie in ganz Deutschland ist die wirtschaftliche Situation derzeit äußerst schwierig. In NRW haben wir eine starke Industriestruktur, in der aber monatlich mehrere tausend Arbeitsplätze verloren gehen. Aber auch in anderen Bereichen gibt es Herausforderungen: Das betrifft die Daseinsvorsorge, die Bildung, den öffentlichen Dienst. Der öffentliche Bereich ist stark unterfinanziert. Viele Kommunen, vor allem im Ruhrgebiet, sind hoch verschuldet.
Was ergibt sich daraus für den DGB NRW und seine Mitgliedsgewerkschaften?
Thorben Albrecht: Wir setzen uns mit aller Kraft dafür ein, den Industriestandort zu erhalten, weiterzuentwickeln und eine Deindustrialisierung zu verhindern. Dafür brauchen wir Investitionen der Unternehmen, aber auch politische Rahmenbedingungen, wie bezahlbare Energiepreise und Investitionen in die Infrastruktur und die grüne Transformation. Es ist gut, dass die Bundesregierung ein Investitionspaket auf den Weg gebracht hat, und die Landesregierung erste Schritte zur Entschuldung der Kommunen einleitet.
Aber das reicht noch nicht aus. Für den öffentlichen Dienst erwarten wir, dass die Landesregierung die Arbeitsbedingungen verbessert, Belastungen reduziert und zum Beispiel in Digitalisierung investiert. Die Bürger*innen müssen sich auf den Staat verlassen können, und das erreichen wir nur mit einem starken öffentlichen Dienst.
Wie gehen Sie diese Ziele an?
Thorben Albrecht: Der DGB ist die politische Stimme der Gewerkschaften. Wir bringen unsere Forderungen in den politischen Prozess ein und machen Druck – über Gespräche mit Politiker*innen, Stellungnahmen, Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen. Dass wir dabei 1,3 Millionen Gewerkschaftsmitglieder in NRW im Rücken haben, ist ein großes Pfund.
Aktuell gibt es viele Angriffe auf den Sozialstaat. Wie mischt sich der DGB NRW hier ein?
Thorben Albrecht: Wir verwehren uns gegen den Versuch einiger politischer Akteure und Arbeitgeber, die Probleme in Deutschland darauf zurückzuführen, dass Arbeitnehmer*innen zu faul seien oder zu gerne krankfeierten. Das ist schlicht falsch. Die wirklichen Probleme lösen wir nicht durch längere Arbeitszeiten oder eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes.
Damit die Wirtschaft wieder nach vorn kommt, brauchen wir eine höhere Binnennachfrage, Investitionen in Infrastruktur und eine sozial-ökologische Transformation. Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen, damit Beschäftigte länger gesund arbeiten können. Wir müssen die Rahmenbedingungen verbessern, damit Menschen mit Familienaufgaben – häufig Frauen – Erwerbstätigkeit gut organisieren können.
Welche Rolle spielt bei alldem auch das Thema Steuergerechtigkeit?
Thorben Albrecht: Wenn wir eine gute soziale Infrastruktur und starke öffentliche Dienstleistungen wollen, dann kostet das Geld, und dieses Geld ist vorhanden: Das Vermögen von Milliardär*innen in Deutschland ist im vergangenen Jahr um 30 Prozent gestiegen, es spricht nichts dagegen, die ganz starken Schultern etwas mehr zu belasten – zum Beispiel über eine Vermögensabgabe oder die Erbschaftssteuer. Es geht dabei auch um Gerechtigkeit, denn Ungleichheit spaltet die Gesellschaft.
Was ist dem DGB NRW beim Thema Bildung wichtig?
Thorben Albrecht: Wir sehen in der gesamten Bildungskette Baustellen. In der frühkindlichen Bildung geht es um ausreichend Betreuungsangebote, Bezahlbarkeit, Qualität und natürlich die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Auch in der Schule geht es um die Frage, wie wir mehr Chancengleichheit erreichen und weniger Kinder und Jugendliche zurücklassen. Jeder fünfte junge Mensch in Nordrhein-Westfalen hat keine abgeschlossene berufliche Ausbildung, damit dürfen wir uns nicht abfinden.
Dennoch ist die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze im vergangenen Jahr gesunken und viele junge Menschen sind bei der Suche nach einer Lehrstelle leer ausgegangen. Hier sind die Unternehmen in der Pflicht, aber die Politik muss das flankieren. Insgesamt müssen wir dafür sorgen, dass Bildung nicht mehr vom Elternhaus abhängt und wir die Fachkräfte der Zukunft ausbilden. Wir unterstützen die GEW bei ihren Forderungen und machen uns gegenüber der Landesregierung und dem Parlament dafür stark.


Mich treibt besonders die Sorge um die Demokratie um. Unzufriedenheit und soziale Spaltung führen dazu, dass sich rechte Kräfte in der Gesellschaft und teilweise auch in Parlamenten breitmachen. Das zurückzudrängen liegt mir sehr am Herzen.
Haben Sie ein persönliches Herzblutthema?
Thorben Albrecht: Mich treibt besonders die Sorge um die Demokratie um. Unzufriedenheit und soziale Spaltung führen dazu, dass sich rechte Kräfte in der Gesellschaft und teilweise auch in Parlamenten breitmachen. Das zurückzudrängen liegt mir sehr am Herzen. Die aktuellen Probleme werden nicht gelöst, indem man nach unten tritt, gegen Migrant*innen oder Bürgergeldempfänger*innen. Wir zeigen, dass es solidarische Antworten gibt. Damit stärken wir die Demokratie und den Zusammenhalt.
Wie groß ist das Problem rechter Tendenzen in Gewerkschaften, und was kann der DGB NRW tun?
Thorben Albrecht: Wir sollten das Problem ernst nehmen, aber es nicht größer machen, als es ist. Bei den Betriebsratswahlen vor vier Jahren gab es bei insgesamt 70.000 Mandaten nur eine zweistellige Zahl rechter Mandate. In den Betrieben, Dienststellen und Büros machen die Gewerkschaften jeden Tag deutlich: Wir sind die wirkliche Interessenvertretung der Arbeitnehmer*innen, und wir stehen für Solidarität und Zusammenhalt.
Als DGB zeigen wir bei allen Gelegenheiten klare Kante gegen Rechtsextremismus, stellen uns gegen die Spaltung unserer Gesellschaft und unterstützen unsere Gewerkschaften – derzeit zum Beispiel mit einer Kampagne zu den Betriebsratswahlen. Wir machen auch deutlich: Wer Hass und Hetze verbreitet, hat in DGB-Gewerkschaften keinen Platz.
Bei welchen Themen erwarten Sie die schwierigsten Kämpfe?
Thorben Albrecht: Das Sozialstaatsthema wird dieses Jahr sicherlich das größte sein. Es gibt massive, orchestrierte Angriffe von Arbeitgeberseite und Teilen der Politik. Wir müssen deutlich machen, dass ein Sozialstaat wichtig ist – nicht nur für diejenigen, die ihn aktuell nutzen, sondern für alle Arbeitnehmer*innen: als Sicherung im Alter, bei gesundheitlichen Problemen, bei Arbeitslosigkeit. Und es geht darum, wie wir unser Land wirtschaftlich wieder nach vorn bringen. Nicht durch Kleinsparen, sondern durch gute Tarifabschlüsse, öffentliche Investitionen und soziale Sicherung.
Gibt es zur Umsetzung der Vorhaben konkrete Projekte?
Thorben Albrecht: Wir haben für dieses Jahr einige Kampagnen geplant. Beim Thema Sozialstaat beziehen wir mit der Kampagne Rote Karte dem Kahlschlag deutlich Position. Wir starten zum diesjährigen Internationalen Frauentag eine Kampagne zum Thema Gleichstellung und veröffentlichen im Herbst einen Rentenreport. Und wir werden noch einmal groß für mehr Tarifbindung werben.
Wie kann man Gewerkschaften noch attraktiver machen?
Thorben Albrecht: Grundsätzlich ist Mitgliederwerbung natürlich Aufgabe unserer acht Gewerkschaften. Aber wir bieten als DGB eine Plattform, auf der sich die Gewerkschaften austauschen können: Welche Ansätze funktionieren? Was sind gute Strategien? Als gesellschaftspolitische Stimme tragen wir dazu bei, dass Gewerkschaften insgesamt ein gutes Ansehen haben. Da haben wir in den vergangenen Jahren gemeinsam einiges erreicht. Während das Vertrauen in viele Institutionen sinkt, bleibt das Vertrauen in Gewerkschaften hoch und steigt sogar.
Warum sind Gewerkschaften weiter wichtig?
Thorben Albrecht: Gewerkschaften sind im Moment die einzige Kraft, die die Interessen von Arbeitnehmer*innen und ihren Familien konsequent in die Debatte einbringen. Keine politische Partei oder Nichtregierungsorganisation kann das so zu 100 Prozent leisten – vom Betrieb, Büro oder der Dienststelle vor Ort bis zur politischen Debatte auf gesamtdeutscher Ebene. In NRW gibt es zudem eine historisch gewachsene, bis heute starke Tradition der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften sowie des regelmäßigen Austauschs mit der Politik. Trotz aller Herausforderungen arbeiten wir auf einer Basis, die uns stark macht. Damit gehen wir optimistisch und kraftvoll in die Auseinandersetzungen, die vor uns liegen.
Gewerkschaften sind im Moment die einzige Kraft, die die Interessen von Arbeitnehmer*innen und ihren Familien konsequent in die Debatte einbringen.
Neuer Vorsitzende des DGB NRW
Thorben Albrecht
Thorben Albrecht, geboren am 2. Februar 1970 in Lüneburg, ist seit Dezember 2025 Vorsitzender des DGB NRW. Zuletzt war er im Vorstand der IG Metall für Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik zuständig, davor unter anderem Bundesgeschäftsführer der SPD, Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium und Referatsleiter beim DGB-Bundesvorstand. Thorben Albrecht ist Mitglied der IG Metall und ver.di sowie der SPD. Er ist verheiratet und hat ein Kind.
- bis 1996 Studium der Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Hannover, Magisterabschluss
- 1996 Referent, SPD-Parteivorstand
- 2003 Referatsleiter Koordination Europapolitik, DGB-Bundesvorstand
- 2007 Büroleiter/Abteilungsleiter Politik, SPD-Parteivorstand
- 2014 Beamteter Staatssekretär, Bundesministerium für Arbeit und Soziales
- 2018 Bundesgeschäftsführer, SPD-Parteivorstand
- 2020 Funktionsbereichsleiter Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik, IG-Metall-Vorstand
- 2024 Selbstständiger Berater für Arbeitnehmervertretungen und Non-Profit-Organisationen
- 2025 Vorsitzender des DGB NRW







