lautstark. 20.03.2026

Neue Methoden, Mut und Experimentierfreude

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Wie Gewerkschaften Mitglieder gewinnen und binden

Wandel der Arbeitswelt, schwindende Mitglieder, gesellschaftspolitische Krisen: Die Gewerkschaften stehen vor großen Herausforderungen. Neue Organisationsmethoden aus dem Organizing sollen helfen, diesen entgegenzuwirken – auch die GEW schlägt neue Wege ein, um Mitglieder zu gewinnen und zu binden.

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  • Ausgabe: lautstark. 01/2026 | Zukunft der Gewerkschaften. Wir packen's zusammen an
  • Autor*in: Anne Petersohn
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Homeoffice statt Büro, agiles Arbeiten statt Schichtdienst: Der Wandel der Arbeitswelt hat viele Gewerkschaften in eine Krise gestürzt. „Fast durchgehend in Europa beobachten wir eine Entkollektivierung der Arbeitsbeziehung, die weitreichende Folgen hat“, sagt der Soziologe Prof. Dr. Klaus Dörre. Aktuell seien in Deutschland nur noch etwa 16 Prozent der Beschäftigten in Gewerkschaften organisiert. Viele Unternehmen verabschiedeten sich von der Tarifbindung, was bei einem wachsenden Teil der Bevölkerung zu deutlichen Lohneinbußen und einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen führe. Dabei müssten Betriebsräte und Gewerkschaften teilweise mit Tarifkompromissen leben, die von Belegschaften als Niederlagen aufgefasst würden. Zudem fehle es in vielen Betrieben an Mitbestimmungsmöglichkeiten darüber, welche Produkte unter welchen Bedingungen produziert würden. „Auf diese Weise entstehen mitbestimmungsfreie Zonen, die bei Beschäftigten ein Ohnmachtsempfinden befördern können.

Eine Gewerkschaftsmitgliedschaft erscheint dann subjektiv wenig attraktiv.“ Kurz nach der Wende hätten die Gewerkschaften zunächst einen großen Zustrom von Beschäftigten aus den neuen Bundesländern verzeichnet. Viele, die den Weg dorthin fanden, traten jedoch nach kurzer Zeit wieder aus, weil sie arbeitslos wurden und ihre Betriebe nicht überlebten. Erst in den Jahren vor Corona seien Gewerkschaften wie ver.di oder IG Metall wieder gewachsen – vor allem dank neuer Organisationsmethoden, dem sogenannten Organizing. „Im Kern geht es darum, Machtverhältnisse zu analysieren, einflussreiche Kräfte für sich zu gewinnen und herauszufinden, wo und wie man Druck entwickeln kann – und dabei neue Mitglieder aktiv in die Politikentwicklung einzubeziehen und an sich zu binden“, sagt Klaus Dörre. Groß angelegte Streiks und daraus resultierende Tariferfolge hätten neues Vertrauen in die gewerkschaftliche Arbeit geweckt.

Corona, demografischer Wandel und Krisenstimmung begünstigen Mitgliederschwund

Doch mit dem Beginn der Pandemie seien viele der erfolgreichen Ansätze ins Stocken geraten. „Corona war eine klare Zäsur“, betont Klaus Dörre. „Vielerorts war die Belegschaft zweigeteilt, weil ein Teil im Homeoffice bleiben durfte und der andere Teil vor Ort in der Produktion erscheinen musste.“ Zeitgleich hätten Gewerkschaften bestehende und neue Mitglieder nur noch über digitale Kommunikationswege erreichen können. „Das konnte die Face-to-Face-Kommunikation nicht ersetzen.“ Bis heute seien es auch die äußeren Umstände, die den Mitgliederschwund der Gewerkschaften begünstigten – etwa der demografische Wandel. Wo geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand gingen, kämen nicht ausreichend neue Mitglieder nach. Hinzu komme die allgemeine Krisenstimmung: „Wir hören täglich von Inflation und vom Verlust tausender Arbeitsplätze. 

VW, Siemens, Bosch – sie alle bauen großflächig Stellen ab.“ Schuld daran sei am Ende auch die Politik: „Wenn ein notorischer Gewerkschaftsgegner wie Elon Musk von deutschen Politiker*innen hofiert wird, dann sehen Unternehmen keinen Anlass mehr, sich an tarifliche Absprachen und Beschäftigungsgarantien zu halten.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer: 2023 verzeichneten die Mitgliedsorganisationen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zum ersten Mal seit 2001 wieder einen absoluten Mitgliederzuwachs – vor allem im Zuge von Arbeitskämpfen.

Vor diesem Hintergrund sei es auch Aufgabe der Politik, organisierte Arbeitsbeziehungen, Tarife und Mitbestimmung zu stärken. In Österreich etwa sei das Tarifsystem deutlich stabiler, die tarifliche Deckungsrate liege bei nahezu 100 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse. „Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist zudem deutlich höher als bei uns.“ 

Arbeiterkammern mit Pflichtmitgliedschaft und großer fachlicher Expertise sorgten für eine Stabilität der Sozialpartnerschaft. Und das sei unbedingt wünschenswert. Die Schwächung der Gewerkschaften, wie sie in Deutschland zu beobachten sei, berge große gesellschaftliche und wirtschaftliche Risiken. „Wenn sich der Trend zur Entkollektivierung der Arbeitswelt fortsetzt, wird sich die Zahl dezentraler Tarifkonflikte häufen – und das ist wirtschaftlich äußerst unproduktiv“, betont Klaus Dörre.Vor allem aber nutze die radikale Rechte das Fehlen gewerkschaftlicher Arbeit und demokratischer Mitbestimmung für ihre Zwecke: „In Ostdeutschland ist die AfD aktuell die stärkste Partei unter Wähler*innen aus der Arbeiterschaft. In Betrieben, wo es keine aktive Gewerkschaft gibt, hat sie freies Spiel.“ Neue Chancen für Gewerkschaften sieht Klaus Dörre vor allem in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft sowie im Bildungsbereich. 

Dort komme ein vergleichsweise niedriger gewerkschaftlicher Organisationsgrad mit guten Beschäftigungsperspektiven und einer wachsenden und konfliktbereiten Zielgruppe zusammen. So berichtet auch Leon Strnad, Referent für Mitgliedergewinnung beim GEW-Hauptvorstand, von weitgehend konstanten Mitgliederzahlen. „Wir haben es geschafft, bis Corona weitgehend stabil zu bleiben“, sagt er. Erst Anfang 2021 hätten sich die Folgen der Pandemie bemerkbar gemacht: „Einige Mitglieder sind ausgetreten, wahrscheinlich, weil sie Geld sparen mussten oder unzufrieden mit unserer Corona-Politik waren.“ Seit 2023 steige die Zahl der Mitglieder aber wieder.

Aktuell gehören bundesweit rund 275.000 Menschen der GEW an. „In unseren Umfragen sehen wir, dass es eine relativ hohe Zufriedenheit mit unseren Beratungs- und Unterstützungsleistungen sowie unseren bildungspolitischen Positionen gibt.“ Angesichts dieser Zahlen konzentrierten sich die Aktivitäten daher vor allem auf die Gewinnung neuer Mitglieder.

GEW rückt bundesweit Mitgliedergewinnung in den Mittelpunkt und nutzt neue Methoden

Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war die Gründung eines bundesweiten Arbeitskreises. „Es ging uns darum, in Fragen der Mitgliedergewinnung, -bindung und -aktivierung landesverbandsübergreifend zusammenzuarbeiten und über Ländergrenzen hinweg voneinander zu lernen“, erklärte Leon Strnad. So entstand 2023 die Kampagne GEW – An Deiner Seite, die vor allem junge und angehende Lehrkräfte adressiert. Der Übergang vom Studium ins Referendariat bringe viele Herausforderungen mit sich, in denen Kolleg*innen Beratung und Unterstützung bräuchten. Sie seien daher die Hauptzielgruppe der aktuellen Werbemaßnahmen.

„Dabei ist es ganz wichtig, die Leute dort zu erreichen, wo sie sich aufhalten: nämlich in den sozialen Medien.“ Ein zentraler Baustein der jüngsten Kampagne war daher die Kooperation mit Influencer*innen, die als Lehrkräfte arbeiten und GEW-Mitglieder sind. „Erste Auswertungen zeigen, dass dieser Ansatz gut funktioniert hat“, sagt Leon Strnad. Um an diese Erfolge anzuknüpfen, gibt es zudem seit Kurzem eine Zusammenarbeit mit der Support Organizing Group – einer Beratungsagentur, die das GEW-Team mit Organizing-Methoden zur Mitgliedergewinnung vertraut macht. 

 

Im Mittelpunkt steht der Beziehungsaufbau zu potenziellen Mitgliedern. Sie sollen uns schrittweise kennenlernen und verstehen, dass wir ihre Probleme sehen, uns klar dazu positionieren und sie unterstützen können.

 

„Im Mittelpunkt steht der Beziehungsaufbau zu potenziellen Mitgliedern. Sie sollen uns schrittweise kennenlernen und verstehen, dass wir ihre Probleme sehen, uns klar dazu positionieren und sie unterstützen können“, erläutert Leon Strnad. Dabei sei die Mitgliedschaft in der GEW nicht Voraussetzung für die Mitwirkung an bestimmten Aktionen. So sollten sich Interessierte schrittweise immer stärker mit der GEW identifizieren. „Am Anfang kann zum Beispiel die Unterzeichnung einer Petition stehen, die wir auf den Weg gebracht haben.“ 

Eine Schlüsselrolle komme Multiplikator*innen zu, die für die Menschen vor Ort ansprechbar seien. „Sie sind sichtbar und vermitteln ganz anschaulich, dass man gemeinsam etwas erreichen kann.“ Bis heute seien (potenzielle) Mitglieder vor allem an gewerkschaftlichen Kernthemen interessiert: „Die meisten kommen, weil sie sich Unterstützung und Beratung in Rechtsthemen wünschen oder an konkreten Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen interessiert sind. Aber auch bildungspolitische Fragen stehen im Fokus.“ In Zukunft sollten diese Themen über neue Kommunikationswege vermittelt werden. „Dafür bauen wir eine digitale Kampagnen-Infrastruktur auf, die viele Prozesse erleichtert und beschleunigt.“

Mitbestimmung stärken

Aus Sicht von Klaus Dörre brauche es darüber hinaus einen Perspektivwechsel: „Die Gewerkschaften sollten nicht in erster Linie auf die starren, die ihr Kreuz bei der AfD machen. Sie sollten vor allem diejenigen mit Aufmerksamkeit bedenken, die sich dem Rechtsruck widersetzen.“ Viele Beschäftigte suchten nach Kräften, „die glaubwürdig dafür kämpfen, dass sich die Situation verbessert“. Dabei gehe es zentral um Fragen der Mitbestimmung. „Unsere empirischen Befunde zeigen, dass sich viele Beschäftigte nicht gehört fühlen. Deshalb brauchen wir mehr Initiativen von unten.“ 

Gewerkschaftsarbeit dürfe nicht ausschließlich als Lobbypolitik angelegt sein, sondern sollte in offenen Diskussionen gestaltet werden – „auch wenn es dann Stimmen geben wird, die einem nicht ins Konzept passen“. Mit Mut und Experimentierfreudigkeit könne eine Vision entstehen, die bei vielen Menschen Zustimmung finde. Am Ende ließen sich damit auch von den Rechten besetzte Begriffe zurückholen – und die Gewerkschaften neu beleben. Denn die Lage sei schlecht – „aber sie muss nicht so bleiben“. 

Unsere empirischen Befunde zeigen, dass sich viele Beschäftigte nicht gehört fühlen. Deshalb brauchen wir mehr Initiativen von unten.

Faire Rahmenbedingungen für Angehende Lehrkräfte

GEW – An Deiner Seite ist eine landesverbandsübergreifende Kampagne der GEW überschrieben. Sie rückt junge und angehende Lehrkräfte in den Mittelpunkt. Auch in NRW unterstützt die GEW diese Gruppe und hat ein breites Angebot.

In NRW begleiten wir angehende Lehrkräfte von Beginn ihres Studiums bis zum Berufseinstieg – mit passgenauen Angeboten für jede Phase der Ausbildung. Über unsere Hochschulinformationsbüros unterstützen wir Lehramtsstudierende mit Beratung und Fortbildungen. Zur Vereidigung informieren wir über Serviceleistungen, Rechtsschutz und unsere Personalrätestruktur. Bewerbungstrainings und praxisnahe Tipps erleichtern zudem den Start in den Schulalltag.

Mit der Kampagne GEW – An Deiner Seite des Hauptvorstands rückt die GEW ihre Werte und Ziele noch stärker in den Mittelpunkt. Neben bewährten Leistungen wie Berufshaftpflicht und Rechtsschutz geht es vor allem darum, zu zeigen, wofür wir stehen: für Solidarität, Mitbestimmung und gute Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen. An der Umsetzung konkreter Aktionen tüfteln wir noch, damit die ersten bei der Vereidigung der Referendar*innen zum 1. Mai 2026 starten können.

Bei alldem ist unsere Vision klar: Wir machen uns stark für eine Lehrkräfteausbildung, in der alle Studierenden und Referendar*innen ihren selbstbestimmten Weg unter fairen Rahmenbedingungen gehen können – und die Bildungswelt aktiv mitgestalten. Mit dieser Botschaft möchten wir angehende Lehrkräfte von der gewerkschaftlichen Idee überzeugen.

Julia Löhr
Expertin der GEW NRW für Lehrkräfteausbildung

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