lautstark. 16.02.2024

Familien: Der Schlüsselort des Aufwachsens

BildungsfinanzierungChancengleichheit

Chancen und Herausforderungen für Eltern, Kinder und Jugendliche

Globalisierung, demografischer Wandel, Migration, Digitalisierung, Krisen wie die Corona-Pandemie und die jüngsten Kriege: Wie wirken sich Themen wie diese auf Familien aus? Und was brauchen sie, um optimistisch in die Zukunft zu blicken? Wir haben mit PD Dr. Christina Boll und Prof. Dr. Sabine Walper vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) über Herausforderungen, aber auch über Chancen für Eltern, Jugendliche und Kinder gesprochen.

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  • Ausgabe: lautstark. 01/2024 | Zukunft von Bildung und Arbeit: Gute Aussichten?
  • im Interview: Sabine Walper | Christina Boll
  • Funktion: Direktorin des DJI | Leiterin der DJI-Abteilung Familie und Familienpolitik
  • Interview von: Denise Heidenreich
  • Funktion: freie Journalistin
Min.
Sabine Walper ist Psychologin und Direktorin des Deutschen Jugendinstituts. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten gehört unter anderem der Bereich Bildung und Erziehung in Familien.

Große gesellschaftliche Themen, aber auch eine Art dauerhafter Krisenmodus prägen unsere Zeit. Inwieweit verändert sich dadurch das gesellschaftliche Zusammenleben?

Sabine Walper: Bis vor wenigen Jahren war die Gesellschaft durch ein starkes Sicherheitsgefühl geprägt. Natürlich gab es bekannte Problemzonen, zum Beispiel die hohe Kinderarmut und ungleiche Bildungschancen. Aber seit der Corona-Pandemie, die sich als nachhaltiger Stressor erweist, und den aktuellen Kriegen entstehen immer mehr Unsicherheiten über unsere Lebensbedingungen. Dies führt zu höheren Belastungen in der zivilen Gesellschaft und damit zu steigenden Anforderungen an das Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystem. Dass diesen nicht immer Rechnung getragen werden kann und wozu dies wiederum führt, zeigt sich beispielsweise im Anstieg psychischer Erkrankungen, in der aktuellen "PISA-Studie" oder im zunehmenden Antisemitismus.

Inwiefern betreffen diese großen Veränderungen unserer Gesellschaft insbesondere Familien? Welche Themen spielen eine zentrale Rolle für sie?

Christina Boll: Es gibt mehrere Themen, die sich besonders auf Familien auswirken und die oft miteinander verwoben sind. Zum Beispiel der demografische Wandel und damit einhergehend Aspekte wie die Angehörigenpflege, die nicht mehr durch Töchter oder Schwiegertöchter geleistet wird, da die meisten Frauen heute erwerbstätig sind. Oder der Punkt Infrastruktur, der für ein funktionierendes Familienleben von zentraler Bedeutung ist: Die Geburten gehen zurück, die Kita- und Schulentwicklung orientiert sich an den Expert*innenprognosen und es wird eher vorsichtig gebaut. Dann wird sich verrechnet und es gibt zu wenig Plätze – das ist ein Problem. Und natürlich wirkt sich der demografische Wandel auf den Fachkräftemangel aus – wie bei den Lehrkräften und Erziehenden.

Sabine Walper: Im neunten Familienbericht haben wir Eltern gefragt, was sie heute vor Herausforderungen stellt. Spitzenreiter ist das Thema Alltagsorganisation und Arbeitsteilung. Gerade in Sachen gleichberechtigter Care-Arbeit fehlt es an Vorbildern. Da spielt ganz stark das Thema Digitalisierung der Arbeitswelt mit rein: Spätestens seit der Pandemie arbeiten viele Eltern im Homeoffice und müssen lernen, Grenzen zwischen Job und Familienleben zu ziehen. Das Thema soziale Ungleichheit wurde ebenso häufig genannt: Die ökonomischen Lebensverhältnisse werden immer ungleicher, das ist toxisch für den sozialen Zusammenhalt in einer Gesellschaft. Fast ein Viertel der Kinder ist von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. Sie wachsen auf mit materiellem Verzicht, mit gefühlter sozialer Zurücksetzung gegenüber Gleichaltrigen, weniger Zugang zu Bildungs- und Freizeitangeboten, mehr familiären Problemen.
Auch die Digitalisierung ist herausfordernd für das Familienleben und eine zusätzliche Erziehungsaufgabe, die von den Eltern zu leisten ist.

Ein Perspektivwechsel: Welche Rolle kommt den Familien bei diesen gesellschaftlichen Umbrüchen zu?

Christina Boll: Die Familie ist einerseits die Arena, in der sich die gesellschaftlichen Themen zeigen. Sie ist andererseits auch der Motor gesellschaftlicher Veränderungen und hier möchte ich besonders die Demokratiefähigkeit herausstellen. Das ist in Anbetracht des zunehmenden rechten Randes eine aktuelle, gesellschaftliche Herausforderung – und die Familie hat die große Aufgabe, mit Kindern und Jugendlichen demokratische Prozesse der Willensbildung einzuüben. Es geht darum, dass Kinder lernen, Argumente auszutauschen und sich tolerant gegenüber Andersdenkenden zu zeigen – das beginnt schon zu Hause am Mittagstisch mit den Geschwistern.

Sabine Walper: Familien sind seit jeher der Schlüsselort beim Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Das, was sie dort mitbekommen an Lernanregungen und emotionaler Zuwendung, ist das zentrale Unterfutter für ihren weiteren Lebensweg. Gleichzeitig ist es nicht möglich, diese Aufgabe allein der Familie zu überlassen, das ist eine heillose Überforderung. Insofern geht es um etwas, was seit längerer Zeit auch politisches Programm ist: das Aufwachsen in gemeinsamer – privater und öffentlicher – Verantwortung. Dabei geht es auch darum, die Infrastruktur für Familien so auszurichten, dass Eltern vernünftig entlastet werden, aber auch die Chance haben, mit den ganzen sozialen Veränderungen Schritt zu halten.

Christina Boll ist habilitierte Soziologin und promovierte Ökonomin. Sie leitet am Deutschen Jugendinstitut die Abteilung Familie und Familienpolitik.

Welche Herausforderungen sehen Sie ganz konkret für Kinder und Jugendliche?

Sabine Walper: Aus meiner Sicht birgt gerade die Alterung der Gesellschaft Risiken für die jungen Menschen. Die Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung ist nicht nur problematisch für unser System der Alterssicherung, sondern birgt auch die Gefahr, dass die Interessen beider Altersgruppen über Wähler*innenstimmen unterschiedliches politisches Gewicht erhalten.

Christina Boll: Auch das Thema Armut ist eines, das über vielen Einzelthemen schwebt, die Kinder und Jugendliche direkt betreffen. Da geht es nicht nur um monetäre Armut, sondern eben auch um Nichtteilhabe und Teilhabe an gesellschaftlichem Leben, Freizeit und Bildungsmöglichkeiten. Auch das Thema Wohnen ist hier zu nennen, das gilt nicht nur für arme Familien, sondern zunehmend auch für Mittelschichtfamilien, die sich ihre Wohnung nicht mehr leisten können.

Bei all den Herausforderungen: Welche Chancen entstehen durch die angesprochenen Entwicklungen für Kinder und Jugendliche?

Christina Boll: Ich sehe bei vielen der gesellschaftlichen Herausforderungen auch Vorteile für die jungen Menschen: Die Digitalisierung ist für Jugendliche eine positive Entwicklung. Für sie ist es völlig normal, damit aufzuwachsen. Sie nutzen die Vorteile viel stärker aus als ältere Generationen, zum Beispiel um mit Freunden in der ganzen Welt in Kontakt zu bleiben. Auch für Familien sorgt die immer digitaler werdende Welt dafür, dass in Sachen Vereinbarkeit mehr möglich ist.
Das Thema Migration birgt ebenfalls große Chancen: Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft, aktuell leben 84,7 Millionen Menschen in unserem Land – und diese Zahl steigt durch Zuwanderung. Kinder und Jugendliche gehen häufig offen mit Migration um und nehmen sie als kulturell bereichernd wahr. Auch auf den Fachkräftemangel wirkt sich dies positiv aus.

Sabine Walper: Neben den gerade von mir erwähnten Risiken, die der demografische Wandel für junge Menschen bedeutet, zeigen sich hinsichtlich der Arbeitswelt viele Chancen für junge Menschen, die durch die Alterung der Gesellschaft entstehen. Unternehmen ringen geradezu um Nachwuchskräfte, auf diesem Spielfeld hat sich die Verhandlungsmacht deutlich zugunsten der Arbeitssuchenden verschoben. Eigene Wünsche und Vorstellungen lassen sich auf dieser Basis viel leichter verwirklichen, als es noch bei früheren Generationen der Fall war.

Welche Unterstützungsmaßnahmen brauchen junge Menschen und ihre Familien angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen, um ohne Sorge der Zukunft entgegenzublicken? Und wen sehen Sie in der Handlungsverantwortung, um diese umzusetzen?

Christina Boll: Da gibt es keine „One Size fits all“-Lösung, denn Familienpolitik muss so gestaltet sein, dass sie gute Unterstützungsangebote für die jeweiligen individuellen Lebensformen und sozialen Lagen der Familien bietet. So wissen wir beispielsweise aus der Forschung zu Geburtenverhalten, dass die monetären Hilfen für Familien mit kleinen Einkommen besonders wichtig sind, während für Akademiker*innenfamilien die Zeitkosten und damit eine gut ausgebaute Kitabetreuungsinfrastruktur eine sehr große Rolle spielen. Grundsätzlich haben wir immer noch einigen Nachholbedarf in Sachen Infrastruktur: So gibt es in allen Bundesländern noch immer weniger Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren, als von den Eltern nachgefragt werden. Diese Lücke muss dringend geschlossen werden. Hinzu kommt, dass manche Angebote und Unterstützungsleistungen nicht ausreichend in der Bevölkerung – und gerade in den Familien, die hohe Bedarfe haben – bekannt sind. Da ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig.
Ich sehe zudem die Unternehmen in der Verantwortung: Es braucht mehr familientaugliche Arbeitsarrangements – auch für Väter. Das ist in manchen Sektoren schon sehr gut geregelt, in manchen ist noch viel Luft nach oben.

Sabine Walper: In Sachen veränderter Altersstruktur wird ja bereits über ein Kinderwahlrecht oder zumindest über die Absenkung des Wahlalters diskutiert. Generell sehe ich vor allem die Bundesländer und Kommunen bei der Umsetzung von Unterstützungsleistungen wie Infrastruktur, Bildungs- und Sozialpolitik in der Pflicht, da dem Bund nur ein begrenztes Instrumentarium zur Verfügung steht. Die frühen Hilfen sind ein positives Beispiel, bei dem es gut geklappt hat. Daran zeigt sich, dass viel mehr darauf geachtet werden muss, dass verschiedene Sektoren zusammenarbeiten.