Primarstufe 05.12.2023

Grundschüler*innen lernen erst Deutsch – dann Englisch

GrundschuleBelastungChancengleichheit
  • Autor*in: Johanne Duensing
  • Funktion: Expertin der GEW NRW für Grundschule

Seit rund einem Jahr gibt es Englischunterricht erst ab Klasse 3 – eine Zwischenbilanz

Kommentar: Seit dem Schuljahr 2022/23 lernen Grundschüler*innen erst ab Klasse 3 Englisch. Zuvor stand Englisch bereits ab dem ersten Schuljahr auf dem Stundenplan - doch NRW wollte in der Schuleingangsphase mehr Zeit für Deutsch und Mathematik schaffen. War die Verschiebung des Fremdsprachenunterrichts eine gute Idee? Johanne Duensing, Expertin der GEW NRW für die Grundschule, zieht Bilanz.

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Leistungsdruck ist hoch

Für die Grundschüler*innen hat sich seit der Anpassung der Stundentafel viel geändert. Aus dreieinhalb Jahren Englischunterricht sind zwei geworden. Der Gesamtumfang des Fremdsprachenunterrichts in der Primarstufe ist gleich - die Auswirkungen sind dennoch groß: Die Schonzeit, die sogenannte silent period, in der Kinder zuhören, ohne selbst zu sprechen, gibt es nicht mehr. Nun muss jedes Kind über den eigenen Schatten springen und von Beginn an auf Englisch kommunizieren. Gleichzeitig wird ein stärkeres Augenmerk auf die Produktion eigener Sätze und Texte gelegt. Auch der Leistungsdruck ist deutlich höher, denn die Empfehlung für die weiterführende Schule ist mit dem Einsetzen des Englischunterrichts in Klasse 3 nicht mehr weit entfernt. 

Herausforderung für Lehrkräfte

Für die Lehrkräfte war die Abschaffung des Englischunterrichts in der Schuleingangsphase mit einem großen Arbeitsaufwand verbunden. Es wurden bereits Arbeitspläne angepasst, um mehr Inhalt und mehr an Kompetenzen in kürzerer Zeit zu ermöglichen. Gleichzeitig sollte auf gar keinen Fall die Lernfreude verloren gehen: Spiele und Lieder sollten erhalten bleiben, damit Englisch weiterhin Spaß macht. Die Leistungen im Englischunterricht ab Klasse 3 werden schließlich von Anfang an benotet.

Forschung äußert Kritik

Professoren der Fremdsprachendidaktik werten es kritisch, Englisch erst ab dem dritten Schuljahr zu unterrichten. Die Spracherwerbstheorie besagt, dass Kinder Sprache durch Nachahmung und den spielerischen Umgang damit lernen. Je eher, desto besser. Nicht umsonst gibt es schon in vielen Kindergärten Englisch-Angebote. Für viele Kinder ergibt sich ein Bruch in ihrer Sprachenbiographie, seit der Englischunterricht erst in Klasse 3 startet. 

Regierung muss handeln 

Die Grundschule scheint derzeit im Fokus der Bildungspolitik in Nordrhein-Westfalen zu stehen. Die Einführung der verbindlichen Lesezeit für alle Grundschüler*innen ist ein Beispiel dafür. Dennoch: Es gibt viel anzupacken, aber doch bitte mit Bedacht. Da Digitalität einen großen Schwerpunkt in den neuen Lehrplänen einnimmt, braucht es die entsprechende Technik – beispielsweise digitale Tafeln, um in Videokonferenzen mit englischsprachigen Kindern zu kommunizieren. Zudem gibt es in NRW ein Projekt zur Stärkung von Schulpatenschaften von deutschen und englischen Schulen. Bislang sind hier kaum Grundschulen vertreten. Ein Ausbau an dieser Stelle wäre wünschenswert.

Zum Hintergrund:

Zum Schuljahr 2021/22 traten in NRW neuen Richtlinien und Lehrpläne für die Primarstufe in Kraft, entfalteten jedoch erst zum Schuljahr 2022/23 ihre Gültigkeit. Grundschüler*innen lernen seitdem erst vom dritten Schuljahr an Englisch. Dies betrifft erstmals die Kinder, die im Jahr 2022/23 in die Schule kamen. Für das Fach Englisch gab es somit erneut eine tiefgreifende Veränderung: Erst seit 2003 gibt es das Schulfach Englisch an den Grundschulen – zunächst für Schüler*innen der Klasse 3 und 4. 2009 führte die Regierung den Englischunterricht für die Klassen 1 und 2 ein. Mit Einführung der neuen Lehrpläne im Sommer 2021 beginnt der Englischunterricht wieder ab Klasse 3. Ziel der Landesregierung war es, wie im Masterplan Grundschule angekündigt, mehr Zeit für Deutsch und Mathematik in der Schuleingangsphase zu schaffen.