Mulingula – ein mehrsprachiges Vorleseprojekt

Den Sprachen der Kinder eine Stimme geben

Integration, Bildung und kulturelle Teilhabe funktionieren über Sprache. Das bedeutet aber nicht, dass Kinder ihre Muttersprache aufgeben müssen. Vielmehr soll das schon vorhandene Sprachwissen sinnvoll, aber auch praktikabel in ihre Lernprozesse eingebunden werden. Mit diesem Grundgedanken wurde Mulingula als mehrsprachiges Vorleseprojekt 2008 in der Münsteraner Melanchthonschule ins Leben gerufen. Die Erfahrung nach sieben Jahren Praxis zeigt: Die Aufwertung ihrer Muttersprache stärkt das Selbstwertgefühl und die Lernbereitschaft der Kinder ungemein.
Mulingula – ein mehrsprachiges Vorleseprojekt

Foto: S. Brand und Krystyna Strozyk

Es ist Freitag. Kein Tag wie jeder andere, denn einige Schüler*innen der Melanchthonschule sind nicht in ihrem Klassenraum, sondern im Lesegarten und lauschen gespannt einer Geschichte, die ihnen auf Russisch, ihrer Muttersprache,erzählt wird. Andere Kinder hören ein Märchen auf Romanes, ein arabisches Gedicht, eine polnische Fabel oder bekommen ein Bilderbuch auf Türkisch vorgelesen. Jeden Freitag steht für diese Kinder Mulingula auf dem Stundenplan. Schulleiterin Anke Diekmann unterstützt das Projekt von Beginn an: „Mulingula bedeutet für unsere Kinder eine Wertschätzung und Aufwertung der eigenen Muttersprache. Sie erfahren sich positiv in ihrer Besonderheit.“


Rumi, Mystiker und Dichter: „Denn wer getrennt ist von dem, der seine Sprache spricht, der wird verstummen, auch wenn er hundert Lieder hätte.“


Mulingula steht für multilinguale Leseaktivitäten. Das Projekt ist deutschlandweit einzigartig. Es ist unter dem Dach des Kompetenzteams Münster angesiedelt und ein Kooperationsprojekt des Schulamtes, der Stadt und der Bezirksregierung Münster. Es richtet sich an Grundschulkinder aus zugewanderten Familien. Sie werden in ihrer Sprach- und Leseentwicklung gefördert und in ihrer zweisprachigen Identität gestärkt. So findet die sprachliche Vielfalt der Kinder Wertschätzung und Anerkennung; sie wird zu einem selbstverständlichen Merkmal interkultureller Schul- und Bildungskultur.



Den Wert der Muttersprache erkennen
Muttersprachler*innen lesen den Kindern einmal wöchentlich Geschichten vor. Die Kinder können sich mit den Texten genießend auseinandersetzen. Eigentlich eine typische frühkindliche Erfahrung, die aber heute in vielen Familien zu kurz kommt. Kinder, die zweisprachig aufwachsen, sind anderen Kindern, denen diese Erfahrung fehlt, in Hinblick auf das Sprachwissen um Längen voraus. Das Projekt Mulingula gibt den Kindern Raum, ihr Sprachwissen einzubringen. Sie werden über die Sprache, mit der sie emotional am stärksten verbunden sind, an Bücher herangeführt. 
Manche Eltern sind verunsichert und lesen ihren Kindern nicht mehr in der Muttersprache vor: „Ich möchte, dass mein Kind Deutsch lernt. Die Oma soll keine russischen Bücher mehr vorlesen“, lautet der Kommentar einer Mutter auf einem Mulingula-Elternabend. Diese Entscheidung ist sicher gut gemeint, führt aber bei dem Kind eher zu einem Defizit. Spracharmut macht sich in solch einer Familie breit. Die russischen Bücher wandern in den Keller. Dennoch spricht man zu Hause im Alltag das vertraute Russisch. Damit bleibt aber nur die Alltagssprache erhalten, die Bildungssprache wird leider nicht tradiert.



Grundstein für gute Bildungssprache
Das Projekt Mulingula erweitert den sprachlichen Horizont der Kinder und macht genau das, was die russische Oma im oben genannten Fall in gewohnter Manier getan hätte: Den Kindern wird vorgelesen. So erleben sie ihre Familiensprache nicht wie gewohnt im alltäglichen Gebrauch, sondern in einer literarischen Begegnung. Das Vorlesen geschieht mündlich, doch der Inhalt ist eingebettet in Schriftsprache. Über das „Bilderbuchlesen“ machen Kinder wichtige Texterfahrungen. Sie erfassen Erzählstrukturen, wie Reihenfolgen, logische Textzusammenhänge, aber auch grammatische Aspekte, die nur in der Schriftsprache vorkommen. Ein Zugang zur Bildungssprache wird eröffnet.
Nicht umsonst beschrieb Klaus Hurrelmann schon in den 1990er-Jahren das „Bilderbuch-lesen als den Schaukelstuhl zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache“. Bildungssprache ist auch Schulsprache, die im Laufe der Jahre immer bedeutsamer für einen erfolgreichen Bildungsabschluss wird. 
Die russischsprachige Vorleserin Anna Slavina konnte die Mutter jedoch überzeugen: „Der Mensch, der seine Erstsprache gut beherrscht, braucht auch dieselben Sprachmittel und
Begriffe in der zweiten Sprache. Darum wird das Niveau der ersten Sprache immer auf das Niveau 
einer zweiten Sprache übertragen.“ Auch der türkischsprachige Vorleser Murat Topbas weiß, dass abstrakte Begriffe, wie zum Beispiel Armut, die in der ersten Sprache bekannt sind, dann auch in der zweiten Sprache selbstverständlich gesucht werden.

Ein Gewinn für alle Seiten

Neben den Vorlesestunden bietet Mulingula zweisprachige Leseworkshops für alle Kinder im Klassenverband an, sodass auch die deutschsprachigen Kinder von Mulingula profitieren. Sie begegnen den Sprachen ihrer Mitschüler*innen in einer lebendigen Unterrichtssituation. Die Mulingula-Kinder ernten Respekt und Anerkennung.
Über sprachvergleichende Betrachtungen erfahren alle Kinder Besonderheiten der eigenen Sprachen und Unterschiede grammatischer Strukturen. Auch bei besonderen Schulereignissen finden die Sprachen der Kinder eine öffentliche Würdigung. Mehrsprachige Theater-aufführungen und Lesungen lassen alle Kinder der Schule die vorhandenen Sprachen bewusst und als gleichgestellt wahrnehmen.
Den Kindern fällt das Umschalten zwischen den Sprachen leicht. Sie sind es gewohnt, von einer Sprache in die andere zu wechseln. Neu für sie ist, dass sie dies auch außerhalb ihrer häuslichen Umgebung auf ausdrücklichen Wunsch in der Schule tun „dürfen“. Sie erleben Vertreter*innen ihrer eigenen Kultur in einer Lehrerrolle. Auch die Eltern sind begeistert. Dies gilt für alle Sprachgruppen. Zu den Mulingula-Festen kommen sie zahlreich in Begleitung von Großeltern und Geschwisterkindern in die Schule und verfolgen mit Begeisterung die kleinen Darbietungen ihrer Kinder in der Muttersprache.



Erfolgsprojekt mit Heimatgefühl


Im Oktober 2011 wurde Mulingula in Wien mit dem Europäischen Sprachensiegel ausgezeichnet. Heute nehmen sieben Münsteraner Grundschulen an dem Projekt teil. Die Sprachgruppen variieren von Schule zu Schule je nach Sprachzugehörigkeiten der Kinder. Zurzeit sind Russisch, Romanes, Türkisch, Arabisch, Polnisch und Tamil vertreten. Aktuell erreicht Mulingula 256 Kinder. Die Vorleser*innen selbst mit Migrationsbiografie arbeiten auf Honorarbasis, werden in den Schulalltag integriert und sind für die Kinder wichtige Bezugspersonen. Sie sprechen schließlich die Sprache ihrer Eltern und Geschwister. Die Kinder der Roma reagieren in dem Erstkontakt mit ihren zukünftigen Vorleser*innen geradezu atemlos: Wieso kannst du unsere Sprache? Bist du einer von uns? Wohnst du hier? Kennst du meine Eltern? 
Durch die Bücherausleihe der Kinder gelangen die Bücher direkt in die Elternhäuser. Die Eltern werden zu Hause von den Kindern zum Vorlesen aufgefordert. Auch die Flüchtlingskinder fühlen sich in den Mulingula-Stunden aufgehoben, bietet die vertraute Sprache doch ein Stück Heimat.

Info: Das Projekt im ÜberblickMulingula ist ein mehrsprachiges Vorleseprojekt aus Münster, das 2011 mit dem Europäischen Sprachensiegel ausgezeichnet wurde.

Info

Das Projekt im Überblick

Mulingula ist ein mehrsprachiges Vorleseprojekt aus Münster, das 2011 mit dem Europäischen Sprachensiegel ausgezeichnet wurde.

Ziele

  • Anerkennung und Aufwertung sprachlicher Vielfalt
  • Förderung von Lesemotivation und bildungssprachlichen Kompetenzen
  • Förderung interkultureller Schulkultur

Angebote

  • Vorlesestunden in den Muttersprachen
  • mehrsprachige Leseworkshops für alle Kinder
  • mehrsprachige Ausleihbibliothek

Krystyna Strozyk, Christiane Finger // In: nds 11/12-2015


Mulingula – ein mehrsprachiges Vorleseprojekt