Studiengebühren sind unfair und kontraproduktiv

Koalitionspläne spalten die Studierendenschaft in Privilegierte und Nicht-Privilegierte

Schwarz-Gelb hat sich Gedanken zu Studiengebühren gemacht. Das Ergebnis: „Nur“ Studierende aus Nicht-EU-Ländern sollen zahlen. Der Koalitionsvertrag sieht zusätzlich Ausnahmen für anerkannte Geflüchtete und eventuell auch Türk*innen vor. Alle anderen sollen zukünftig 1.500,- Euro pro Semester zahlen. Dierk Borstel, Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, erklärt, warum sich die Studierendenschaft einmal mehr spaltet, wenn diese Pläne Wirklichkeit werden.
Studiengebühren sind ungerecht und kontraproduktiv

Ein Beispiel: An der Fachhochschule in Dortmund lernen etwa 13.000 Studierende. Davon sind etwa 1.500 sind Nicht-EU-Ausländer*innen und müssten, wenn sie dort neu anfangen würden, die Gebühren zahlen. Das ist sozial ungerecht.

Natürlich fehlt dem Bildungssystem viel Geld und es ist gut, sich Gedanken zu machen und neue Wege auszuprobieren. Die geplanten Studiengebühren sind jedoch gleich in mehrfacher Hinsicht zu kritisieren.

Nachteile für Hochschulen im nationalen und internationalen Wettbewerb

Wissenschaft ist national gar nicht mehr denkbar, sondern auf internationale Zusammenarbeit unbedingt angewiesen. Je früher der wissenschaftliche Nachwuchs länderübergreifende Netzwerke schon während des Studiums spannt und als Normalität erkennt, desto besser ist es für den Wissenschaftsstandort Deutschland. Die Studiengebühren werden jedoch ausländische Studierende abschrecken, einen Teil ihres Studiums in NRW zu absolvieren. Dadurch fehlen wichtige Kontakte für die Zukunft und die Hochschulen werden von der Internationalisierung abgehängt. Das ist absurd und kurzsichtig.

Für den innerdeutschen Wettbewerb sind die Pläne nachteilig. Wenn jemand kostenlos in Berlin, München oder Hamburg studieren kann, wird er sich dann wirklich für Duisburg, Bochum oder Dortmund entscheiden – wenn er dort kräftig draufzahlen muss? Wohl eher nicht.

Studierende als Vermittler*innen von Werten

Die Befürworter*innen der Gebühren argumentieren gerne damit, dass Deutschland nicht die Ausbildung von Ausländer*innen stemmen könnte, wenn diese wieder in ihre Heimat zurückkehren würden. Die AfD klatscht an dieser Stelle am rechten Rand begeistert Beifall. Der dahinterstehende Gedanke ist trotzdem falsch. Bildung ist ein Menschenrecht und kein Investment, das sich kurzfristig und verzinst rentieren soll. Im Gegenteil: Wenn Studierende zum Beispiel aus afrikanischen Staaten in NRW studieren und dann zurückkehren, leisten sie gegebenenfalls einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung von Fluchtursachen. Ausländische Studierende tragen Werte der Demokratie, der Freiheit und des Rechtsstaates nach China, Russland und in viele weitere Länder. Sie knüpfen im besten Fall auch Kontakte zu anderen Studierenden, die die Basis für zukünftige Kooperationen sein können. Hochschulen und Politik täten gut daran, das als Wert an sich zu sehen und zu unterstützen – gerade mit Blick auf zukünftige Entwicklungen.

Studiengebühren erschweren Integration

Völlig ungeeignet sind die Pläne im Hinblick auf Geflüchtete. Durch die Überforderung der Behörden haben die wenigsten bisher eine endgültige Anerkennung oder Ablehnung in der Tasche. Sprache, Bildung und Arbeit sind aber wesentliche Bestandteile jeder Integration. Die Studiengebühren hingegen werden für Geflüchtete eine nicht überwindbare Barriere sein. So wiederholen die Pläne Fehler früherer Integrationspolitiken: statt offensiver Integration und offener Türen gibt es Abwehr und Sonderregeln, die Integration erschweren.

Insgesamt erweisen sich die Gebührenpläne als sozial ungerecht, viel zu kurzfristig gedacht und in Hinblick auf Geflüchtete als offensichtlich kontraproduktiv. Sie weisen auch nicht in die Zukunft – im Gegenteil: Perspektivisch schwächen sie die Hochschulen selbst dann, wenn kurzfristig tatsächlich mehr Geld zur Verfügung gestellt werden sollte. Einfache Kompromisse in Koalitionen sind nicht immer gute Antworten auf die Herausforderungen der Zeit. Es braucht neue Ideen, die weltoffen und sozial gerecht sind sowie die Internationalität der Hochschulen stärken. An einer solchen Debatte sollten sich die Hochschulen aktiv beteiligen.

Dierk Borstel, Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund