Geflüchtete Lehrkräfte im Schuldienst

Das Programm „Lehrkräfte Plus“ läuft an den Universitäten in Bielefeld und Bochum

Im Programm „Lehrkräfte Plus“ qualifizieren sich Lehrer*innen mit Fluchterfahrung ein Jahr lang für den Unterricht im deutschen Schulsystem. Die Universitäten Bielefeld und Bochum machen mit.
Geflüchtete Lehrkräfte qualifizieren sich für den Schuldienst

Foto: Ivan Kruk/Fotolia

Im Zuge der Fluchtbewegung sind viele gut ausgebildete Menschen nach Deutschland zugewandert. Jedoch scheitert die Integration in den Arbeitsmarkt oft an den schwierigen Zugangsbedingungen beziehungsweise an der Anerkennung der mitgebrachten Abschlüsse.

Seit einiger Zeit wird ein besonderes Augenmerk auf Lehrkräfte mit Fluchthintergrund gelegt – wie zum Beispiel in dem Pilotprojekt „Lehrkräfte Plus“ an der Universität Bielefeld. „Lehrkräfte, die in den Fluchtländern wie zum Beispiel Syrien, Afghanistan oder dem Irak unterrichtet haben, bringen ein enormes Potenzial mit“, sagt die Projektleiterin von Lehrkräfte Plus Dr. Renate Schüssler. „Durch den eigenen Fluchthintergrund können sie sich insbesondere in die Situation der geflüchteten Kinder hineinversetzen und verstehen ebenso den kulturellen Hintergrund des jeweiligen Landes. Zudem könnten sie auch längerfristig einen Teil des Lehrkräftemangels abdecken.“

Sprachniveau ist die größte Hürde

In dem Zertifikatsprogramm werden die Lehrkräfte ein Jahr lang qualifiziert, um später auch in Deutschland unterrichten zu können. Das Programm hat einen hohen Anspruch: Neben dem selbstverständlichen universitären Lehramtsabschluss im Heimatland beziehungsweise einem abgeschlossenen Studium, das zum Lehrer*innenberuf qualifiziert, und der Berufserfahrung ist die größte Hürde das notwendige Sprachniveau C1.

Zugangsvoraussetzung ist zwar das B1-Niveau, aber erforderlich ist am Ende der Qualifizierung C1 – eine Stufe unter dem Niveau der Muttersprache. Daher läuft in dem einjährigen Vollzeitprogramm ein halbes Jahr lang, begleitend zu den anderen Inhalten, ein Vollzeitsprachkurs. Weitere Komponenten sind die pädagogisch-interkulturelle Qualifizierung, die schulische Praxisphase und die fachlichen beziehungsweise fachdidaktischen Vertiefungen. An den jeweiligen Schulen bekommen die Teilnehmenden jeweils eine Lehrkraft als Mentor*in an die Seite gestellt. „Bei den Mentor*innen-Treffen haben wir bisher sehr positive Rückmeldungen erhalten.“ Die Teilnehmenden des Programms seien nicht nur eine Bereicherung für die Schüler*innen, sondern vor allem auch für das Kollegium, berichtet Renate Schüssler.

Lehrkräften mit Fluchterfahrung fehlt zweites Unterrichtsfach

Eine Herausforderung ergibt sich dadurch, dass in den meisten Herkunftsländern der Bewerber*innen nur ein Fach studiert wird. Um in Deutschland als volle Lehrkraft eingesetzt werden zu können, wird jedoch eine Kombination aus mindestens zwei Unterrichtsfächern und Bildungswissenschaften benötigt. Deshalb können die qualifizierten Lehrer*innen im direkten Anschluss nur als Vertretungslehrkraft oder als Lehrkraft für Herkunftssprachlichen Unterricht (HSU) arbeiten. Mit etwas längerer Perspektive gibt es auch die Möglichkeit des Seiteneinstiegs, des Nachstudierens eines zweiten Fachs oder ganz pragmatisch: Die durchaus seit langem notwendige Anerkennung der Herkunftssprache als zweites Fach.

Dass das Programm sinnvoll und hilfreich ist, zeichnet sich schon jetzt ab: Mehrere Universitäten adaptieren die Qualifizierung oder machen ähnliche Angebote. Auch an der Nachfrage scheitert es nicht. Allein für das Bielefelder Projekt bewarben sich insgesamt 270 Interessent*innen. 70 wurden zum Bewerbungsgespräch eingeladen. 25 von ihnen sind im aktuellen Durchgang dabei.

Bildungsprogramm nach Potsdamer Vorbild

„Angestoßen wurde die Idee zur Umsetzung durch eine Initiative aus Potsdam, auf die wir aufmerksam geworden sind“, berichtet Angela Müncher von der Bertelsmann-Stiftung, die das Projekt fördert und die Initiatorin ist. „Für uns war es von Anfang an wichtig zu eruieren, welche Perspektiven die Teilnehmenden nach Abschluss des Programms haben. Deshalb ist das Ministerium für Schule und Bildung ein wichtiger Kooperationspartner im Projekt Lehrkräfte Plus.“ Als weitere Partner*innen in dem Verbund sind die Landeskoordinierungsstelle der Kommunalen Integrationszentren und die Stiftung Mercator dabei sowie die Universitäten in Bielefeld und seit kurzem Bochum als zentrale Akteur*innen.

In dem Potsdamer Projekt konnten die Absolvent*innen des Programms anschließend zunächst als Assistenzlehrkräfte arbeiten. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zukunft der Bielefelder Teilnehmenden gestaltet. Wünschenswert wäre, dass sich die Bundesländer mit dem bestehenden Potenzial auseinandersetzen und eine fördernde Regelung finden.

Senol Keser, freier Journalist