Schule und Gewerkschaft in der Türkei

Türkische Gewerkschafterin auf der Flucht: „Wir konnten nicht mehr atmen“

Zehn Jahre lang war Sakine Esen Yılmaz Türkisch-Lehrerin und seit 2015 Generalsekretärin der türkischen Lehrergewerkschaft Eğitim Sen. Immer wieder erfuhr sie Repressalien wegen ihres politischen Engagements, zwei Mal wurde sie inhaftiert – zuletzt drohten ihr 22 Jahre Haft.Als die Lage in der Türkei sich im Sommer 2016 weiter zuspitzte, fasste sie den schweren Entschluss, aus ihrer Heimat zu fliehen. Jetzt lebt sie in Deutschland und unterstützt sie ihre Kolleg*innen von hier aus mithilfe der GEW. Wir sprachen mit ihr über Schule, Bildung und Gewerkschaftsarbeit in der Türkei.
Schule und Gewerkschaft in der Türkei

Sakine Esen Yılmaz lebt nach ihrer Flucht aus der Türkei in Deutschland. Foto: Annette Etges

In den letzten Jahren ist deine politische und gewerkschaftliche Arbeit in der Türkei immer schwieriger geworden – wie hat sich deine Situation als aktive Gewerkschafterin entwickelt und warum hast du die Türkei schließlich verlassen?Unsere Gewerkschaftsarbeit ist nach dem Militärputsch am 15. Juli 2016 immer schwieriger geworden. Meine Gewerkschaftskolleg*innen und ich lebten in ständiger Angst verhaftet zu werden. Wir konnten nicht mehr atmen. Viele Gewerkschaftsmitglieder haben ihre Aktivitäten eingedämmt, um ihre Familien und Kinder zu schützen. Leider traten auch viele aus unserer Gewerkschaft Eğitim Sen aus.

Aber das was nicht der Grund warum ich die Türkei verlassen habe. Ich saß 2009 für sechs Monate im Gefängnis in Izmir, weil ich muttersprachlichen Unterricht für die kurdische Bevölkerung gefordert hatte. 2012 kam ich erneut für zehn Monate in Haft, angeblich weil ich eine illegale Organisation unterstützt hatte, obwohl alle Beweise, die im Prozess angeführt wurden, ausschließlich mit meinen Gewerkschaftsaktivitäten verknüpft waren.

Nach meiner Freilassung durfte ich die Türkei nicht verlassen. Jederzeit bestand die Gefahr erneut verhaftet zu werden. Als eines der Urteile gegen mich rechtskräftig wurde und mir drei Jahre und vier Monate Haft drohten, tauchte ich unter, brach den Kontakt zu meiner Familie und Freunden ab und floh. Wäre ich in der Türkei geblieben, würde ich die nächsten 22 Jahre im Gefängnis verbringen.

Wie haben sich Schule und Unterricht unter Erdoğan und dem Einfluss der AKP verändert?

Das Bildungssystem hat sich in den 15 Jahren der AKP-geführten Regierung stark gewandelt. Im März 2012 wurde die Schulreform „4 + 4 + 4“ eingeführt. Ziel war es, die Mittelschulen mit der Aufwertung der İmam-Hatip-Schulen zu rehabilitieren. Ursprünglich waren diese nur für die Ausbildung islamischer Geistlicher gedacht. Bis 2012 fand keine religiöse Erziehung in den Schulen statt, sondern wurde in Moscheen oder im Rahmen der İmam-Ausbildung geleistet.

Die Lehrpläne wurden nationalisiert, islamischer Werteunterricht verstärkt und der gesamte Unterricht mit religiösen Inhalten gefüllt. Auch der flächendeckende Mangel an Schulen ist ein Problem. Es fehlen Sportplätze und Bibliotheken und die Vermittlung qualifizierter Inhalte im Kulturbereich.

Wie ist die aktuelle Arbeitssituation von Lehrer*innen in der Türkei?

Meine Kolleg*innen von Eğitim Sen werden schon seit Jahren kriminalisiert. Viele von ihnen sind entlassen oder suspendiert worden, weil sie der AKP kritisch gegenüberstehen. Zurzeit gibt es in der Türkei 350.000 studierte Lehrer*innen, die arbeitslos sind. Diese werden jetzt anstelle der Entlassenen unter prekären Bedingungen mit befristeten Verträgen eingestellt. Die Entlassungswelle hat nur einen Grund: den Beruf unsicher zu machen und Menschen unter Kontrolle zu bringen.

Die Pro-AKP Gewerkschaft Eğitim-Bir-Sen erhält im Gegensatz zu Eğitim Sen Förderung und Unterstützung vom Staat. Deren Mitgliedzahlen haben enorm zugenommen. Sie setzen sich allerdings nur für Lehrer*innen ein, die AKP-konform agieren und hinter den Entscheidungen der AKP stehen oder stehen müssen, um arbeiten zu können.

Welche Veränderungen wünschst du dir für das Bildungs- und Schulsystem in der Türkei und welche Voraussetzungen braucht es dafür?

Um Veränderungen anstoßen zu können, braucht es vor allem ein laizistisches, säkulares und demokratisches Regierungssystem. Ich wünsche mir außerdem, dass die Türkei die Vielfalt ihrer Nation anerkennt und die Erziehung in Muttersprache erlaubt. Die Solidarität der DGB und GEW-Kolleg*innen und des europäischen Gewerkschaftsbundes haben für unseren Kampf eine große Bedeutung. Sie unterstützen uns nicht nur finanziell, sondern entsenden immer wieder auch Delegationen in die Türkei. Das gibt mir und meinen Kolleg*innen Mut weiterzumachen. Ich glaube, dass Menschen, die Frieden suchen, auch gewinnen werden. Es ist eine vorübergehende Zeit.

Die Fragen stellte Roma Hering.