Promovierende in der ersten Generation

Ansprechpartner*innen auf dem Weg zum Doktor*innentitel

Kinder aus nicht-akademischen Familien promovieren seltener als Kinder von Akademiker*innen. Damit sich das ändert, kümmert sich „Erste Generation Promotion – EGP e.V.“ um ihre Fragen und Probleme.

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Seit 2014 unterstützt Erste Generation Promotion – EGP e.V. Promovierende und Promotionsinteressierte aus nicht-akademischen Elternhäusern auf ihrem Weg zum Doktor*innentitel. Der Verein bietet persönliche und telefonische Beratungen an und organisiert regelmäßige Stammtische, bei denen sich Mitglieder auf allen Stufen der akademischen Karriere austauschen können.

Mentoring für Promovierende aus nicht-akademischen Familien

Im Jahr 2015 hat EGP erstmals ein Mentoringprogramm ins Leben gerufen. Im Rahmen des einjährigen Programms sprechen Promovierende auf Augenhöhe über Fragen und Probleme mit Postdocs und Professor*innen, die selbst als erste in ihrer Familie studiert und promoviert haben. Das ehrenamtlich organisierte Projekt ist auf so großen Zuspruch bei Teilnehmer*innen gestoßen, dass es seit 2017 unter dem Namen „EGP Mentoring+“ an der Universität zu Köln (UzK) angeboten wird: Ann-Kristin Kolwes, Gründungsmitglied von EGP, koordiniert das Projekt. Über ihre Aufgabe sagt sie: „Es ist großartig, dass die UzK ein solch einmaliges Projekt institutionalisiert hat und damit aktiv einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leistet.“

Erfahrungen von Arbeiter*innenkindern an der Hochschule

Die Idee zu dem Verein kam den Gründerinnen Stefanie Coché, Frauke Scheffler und Sandra Vacca, als sie selbst ihre Promotion begannen. Stefanie erinnert sich: „Wir teilten alle drei den Eindruck, je weiter man auf der akademischen Leiter nach oben klettert, desto stärker wird das Gefühl als ‚Arbeiterkind‘ allein auf weiter Flur zu stehen.“ Sie machten immer wieder die Erfahrung, im Wissenschaftsbetrieb in der Hochschule anzuecken und keine Ansprechpartner*innen für ihre Fragen zu haben. Deswegen wollten sie einen Ort schaffen, an dem sich andere Studierende und Promovierende aus nicht-akademischen Elternhäusern wohlfühlen und ihre Fragen und Bedenken offen äußern konnten.

Dass der Bedarf dringend ist, zeigt der Hochschul-Bildungs-Report 2020 des Stifterverbands, der Anfang 2018 veröffentlicht wurde. Von 100 Grundschüler*innen aus nicht-akademischen Familien schließt nur eine Person eine Promotion ab, während es bei Grundschüler*innen mit akademischem Hintergrund zehn sind. Tiefergehende qualitative Studien über Gründe hierfür gibt es kaum.

Finanzierung der Promotion

Aus ihrer Erfahrung wissen die Initiator*innen, dass es vor allem an frühzeitiger Information sowie Unterstützung mangelt. Häufig trauen sich Studierende der ersten Generation weniger zu als ihre Kommilliton*innen. Für viele war die Promotion nicht das erklärte Ziel zu Beginn des Studiums, sondern ergab sich durch exzellente Leistungen in Seminaren und Abschlussarbeiten. Anders als beim Studium gibt es bei der Promotion weniger Hilfestellungen der Universitäten. Daraus resultieren viele Fragen, insbesondere zum wichtigen Themenkomplex Finanzierung. Hier herrscht ein großes Informationsdefizit, welche Möglichkeiten am passendsten für die jeweilige Person sind.

Betreuung der Professor*innen

Als zweite zentrale Komponente hat sich ein gutes Betreuungsverhältnis herausgestellt. Bei Konflikten im Betreuungsverhältnis gibt es selten Hilfe von außen. Zum Beispiel sprechen viele Doktorand*innen ungern mit den Professor*innen, die ihre Arbeit begleiten, über Probleme im Schreibprozess. Sie befürchten, schlechter bewertet zu werden. Auch im privaten Kontext können sie selten über solche Fragen sprechen. Teilweise wird in den Beratungen über Unverständnis von der Familie berichtet. EGP möchte daher eine Anlaufstelle für jegliche Fragen und Anliegen sein, die mit der Promotion einhergehen – ganz gleich wie vermeintlich banal diese klingen. Das EGP-Team möchte Promovierende der ersten Generation dazu ermutigen, den Weg in die Wissenschaft einzuschlagen und ihre einmalige Sichtweise einzubringen.

Stigmatisierung in der Wissenschaft überwinden

Ein wichtiges Anliegen von EGP ist es, das Stigma anzusprechen und zu überwinden, das im Wissenschaftssektor immer noch mit einer Herkunft aus nicht-akademischen Elternhäusern verknüpft ist. Der Verein setzt sich dafür ein, dass es in Zukunft nicht mehr ausschlaggebend ist, wo jemand herkommt, um einen Beitrag in der Wissenschaft zu leisten.

Verena Limper, Vorstandsmitglied im Verein „Erste Generation Promotion – EGP e.V.“