GEW NRW, Grundschulverband und GGG fordern Kurswechsel

Chancengleichheit herstellen – Schulen des Gemeinsamen Lernens stärken

Die Bildungsgewerkschaft GEW NRW mahnt zusammen mit dem Grundschulverband NRW und der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG) einen Kurswechsel der Landesregierung in der Schulpolitik an und fordert bessere Rahmenbedingungen für die beiden Schulformen des Gemeinsamen Lernens.
GEW NRW, Grundschulverband und GGG fordern Kurswechsel

Foto: iStock.com/Michael Luhrenberg

Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Grundschule hat die Bildungsgewerkschaft GEW NRW zusammen mit dem Grundschulverband den „Dortmunder Denkzettel“ verfasst. Das Positionspapier unter dem Motto: „Stellt das Bildungssystem endlich vom Kopf auf die Füße! – Wir fordern eine entschiedene Bildungsoffensive Grundschule!“ wird auf einer Festveranstaltung am 12. November 2019 Schulministerin Yvonne Gebauer übergeben. Gemeinsam mit der GGG hat die GEW NRW in der „Dortmunder Erklärung“ ihre schulpolitischen Forderungen für die Gesamtschulen zusammengefasst. Auch hier ist das Schuljubiläum Anlass für die politische Initiative: „50 Jahre Gesamtschule NRW – Schluss mit der Benachteiligung der Gesamtschule in NRW! Von der unsinnigen Vielfalt der Schulformen zur Schule der Vielfalt!“ Auch zu dieser Festveranstaltung am 19. November 2019 wird Schulministerin Yvonne Gebauer als Gast erwartet.

„Die beiden Jubiläen bieten nicht nur Anlass, um über die gegenwärtigen Herausforderungen an den beiden Schulformen zu reden, sondern auch für ein Signal an die Landesregierung, dass es dringender Änderungen bedarf. Die aktuell schwachen Zustimmungswerte für die Bildungspolitik der Landesregierung sind ein klares Zeichen. Offenbar liegt hier einiges im Argen“, sagte GEW-Landesvorsitzende Maike Finnern bei der Vorstellung der beiden politischen Erklärungen auf einer Landespressekonferenz im Düsseldorfer Landtag. Immer noch hätten von Anfang an zu viele Kinder zu wenige Chancen auf umfassende Bildung und damit auf die Entfaltung ihrer Potentiale. Sowohl die Grund- als auch die Gesamtschulen in NRW leisteten hier besondere Arbeit, trotz schwieriger Rahmenbedingungen.

„Trotz der enormen Bedeutung der Grundschule erfahren die Kolleg*innen vor Ort nicht die Wertschätzung, die sie verdienen“, klagte die GEW-Landesvorsitzende. „Die Lehr- und Lernbedingungen müssen dringend verbessert werden, es muss für die sächliche, räumliche und personelle Ausstattung gesorgt werden und nicht zuletzt muss endlich unsere langjährige Forderung nach der Einstiegsbesoldung A13 Z/ EG 13 für alle Lehrkräfte umgesetzt werden.“ Gleiches gilt für die Gesamtschulen des Landes, es werde Zeit, dass die Landesregierung deren Rahmenbedingungen verbessere. Maike Finnern: „Nicht länger kann die Gesamtschule die Schulform sein, die diejenigen aufnimmt, die an der Realschule und am Gymnasium nicht hinreichend unterstützt und gefördert werden konnten. Um den fatalen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg zu entkoppeln, fordern wir einen schulscharfen Sozialindex, der die Ressourcen nach den Bedingungen vor Ort verteilt und damit dem Motto ‚Ungleiches ungleich behandeln!‘ gerecht wird.“

Die Dortmunder Grundschulleiterin Christiane Mika, Vertreterin des Grundschulverbandes, sah die Ansprüche der Gesellschaft an die Grundschule enorm gewachsen und die dort Arbeitenden erheblich unter Druck geraten. Grundschule heute stehe vor drängenden Herausforderungen wie der kindgerechten Gestaltung des Ganztages, Entwicklung einer inklusiven Schule, besonderen Unterstützungsbedarf für geflüchtete Kinder und umfassende Sprachbildung, sowie der allgegenwärtigen Medienpräsenz und notwendigen Medienbildung. Die Stellung der Grundschule müsse „neu bedacht“ werden. Lehrkräfte und weitere Beschäftigte sähen sich einer permanenten Überforderung ausgesetzt, ein nicht länger hinnehmbarer Zustand.

Als Schulleiterin einer Grundschule im Dortmunder Norden erlebe sie und ihr Kollegium tagtäglich konkrete Benachteiligung. „In viel zu großen Klassen haben wir viel zu wenig Zeit und Personal, um auch nur annähernd den vielen Kindern, die immer mehr Rückmeldung, Zuwendung und Hilfen brauchen, gerecht zu werden.“ Wenn nicht bald entschiedene Taten folgten, drohe das Bildungssystem zuerst an den sozial benachteiligten Stadtvierteln „um die Ohren zu fliegen – mit unabsehbaren Folgen“. Christiane Mikas abschließende Forderung: „Zukunftsfähige Grundschule braucht endlich eine Politik, die die Grundschule als Fundament aller schulischen Bildungseinrichtungen auch fundamental gut und handlungsfähig ausstattet.“

Behrend Heeren, Vorsitzender der GGG NRW, forderte „Schluss mit der Benachteiligung der Gesamtschulen, Schluss mit der Bevorzugung der Gymnasien!“ Die Verantwortung sei auf die Einzelschulen verlagert worden. „Daneben wird die Schulform Gymnasium gezielt protegiert. Das dient dem Gymnasium und schadet der Gesamtschule.“ Nach Auffassung des GGG-Vorsitzenden wird das in vier Feldern – Inklusion, Lehrer*innenbesoldung, Sozialindex, Abschulung - besonders deutlich. Behrend Heeren: „Unsere Gesamtschulen berichten über mehr Förderschüler, weniger Förderlehrer und noch größere inklusive Klassen. Über die Hälfte der Gesamtschulkolleg*innen leisten anspruchsvollere Tätigkeiten bei gleichzeitig schlechterer Bezahlung als am Gymnasium.“

In Zeiten des akuten Lehrkräftemangels funktioniere das schulscharfe Einstellungsverfahren nicht, eine sozial gemischte Schüler*innenschaft benötige eine andere, bessere Lehrer*innenversorgung und die Schulen endlich eine Ressourcenausstattung nach Sozialindex. Behrend Heeren: „Schulen an schwierigen Standorten bekommen Stellen, aber keine Lehrer.“ Außerdem seien die Gesamtschulen immer stärker mit einem „originären Problem des gegliederten Schulsystems“ konfrontiert, das „Abschulen“ aus Gymnasien und Realschulen. Der GGG-Vorsitzende sagte abschließend: „Derzeit wird das zunehmend auf die Gesamtschulen abgewälzt.“

Berthold Paschert
Pressesprecher
berthold.paschert@gew-nrw.de
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