Gelebtes Menschenrecht: Für eine Pädagogik der Vielfalt

Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie

Am 17. Mai 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität von ihrer Liste der psychischen Krankheiten. Seit 2005 findet an diesem Tag der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT) statt. Die AG LSBTI* der GEW NRW bringt dazu eine neue Broschüre heraus, die Homo- und Transphobie unter Schüler*innen thematisiert und Handlungsempfehlungen für Lehrkräfte bereithält.
Gelebtes Menschenrecht: Für eine Pädagogik der Vielfalt

Foto: as_seen/photocase.de

LSBTIQ* steht für Lesbisch Schwul Bi Trans* Inter* Queer. Schule ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und so findet Diskriminierung auch unter Schüler*innen, Lehrkräften und pädagogischem Personal statt. In zahlreichen Studien gelten LSBTIQ*-Kinder und -Jugendliche als besonders verwundbare Gruppe; auch LSBTIQ*-Lehrkräfte sind mit Diskriminierung im Arbeitsalltag konfrontiert. Fängt die Herabwürdigung nicht schon dort an, wo die Sichtbarkeit der LSBTIQ*-Community aufhört, mindestens nicht gefördert wird?

Diskriminierung unter Schüler*innen und gegen Lehrkräfte

62 Prozent der Grundschüler*innen – hier: Sechstklässler*innen in Berlin – verwenden das Wort „schwul“ oder „Schwuchtel“ und 40 Prozent das Wort „Lesbe“ als Schimpfwort, erhob eine repräsentative Studie zur „Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen“. Die nicht-repräsentative LSBTIQ*-Lehrkräftebefragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), die 2016 nach dem Schulklima und abfälligen Bemerkungen über LSBTIQ* oder Bezeichnungen als Schimpfwort in den letzten zwölf Monaten fragte, zeigte, dass 40,4 Prozent der Befragten solche Äußerungen „oft“ und weitere 34,4 Prozent „manchmal“ aus der Schüler*innenschaft hörten.
Charlotte Kastner, Referentin der ADS hat über die LSBTIQ*-Lehrkräftebefragung festgestellt, dass die befragten Lehrer*innen das Schulklima überwiegend positiv bewerten, sich allerdings eine leichte Tendenz zu einem LSBTIQ*-feindlichen Schulklima erkennen lässt. Auch von Seiten der Schulleitungen, anderen Lehrer*innen und Eltern nahmen die LSBTIQ*-Lehrkräfte abfällige Bemerkungen über LSBTIQ*-Personen wahr, jedoch deutlich seltener als von Schüler*innen.

Schule der Vielfalt: Intervention und Information

Frank Pohl, Koordinator des Landesprojekts „Schule der Vielfalt“ macht deutlich, dass es für Lehrer*innen unerlässlich ist, die Begriffe, die fälschlicherweise als Schimpfwörter benutzt werden, auf der Bedeutungsebene zu klären, sonst bleiben diese weiterhin negativ besetzt. Schüler*innen, die nicht heterosexuell oder Cis-Gender sind, identifizieren sich in den Phasen der Adoleszenz mit diesen belasteten Begriffen. Die Folgen für LSBTIQ*-Schüler*innen sind schwere Identitätskrisen und höhere Suizidraten.

Es ist wichtig, bei jeder Grenzüberschreitung oder Beschimpfung einzugreifen, denn schon die kürzeste Intervention einer Lehrkraft reicht aus, um ein Fehlverhalten deutlich zu machen. „Die Korrektur der Begriffsbedeutung kann zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden, aber sie sollte stattfinden. Schule muss ihrem Bildungsauftrag und einer sachlichen Darstellung der Situation nachkommen“, sagt Frank Pohl.

Diskriminierung und Mobbing findet schulformübergreifend statt

Auch die Gefahr falscher Zuweisungen besteht, „denn diskriminierende Äußerungen oder Mobbing gegenüber LSBTIQ*-Schüler*innen sind nicht abhängig von einer bestimmten Klientel oder einem sozialen Milieu, sie finden schulformübergreifend statt“, so Frank Pohl. Die Aufklärer*innen-Gruppe des SCHLAU-Projekts hat an Gymnasien zuerst weniger Diskriminierung im Vergleich zu Hauptschulen wahrgenommen. Nach einiger Zeit bemerkten sie allerdings, dass die Gymnasiast*innen sich lediglich adäquater ausdrückten, was noch nichts über ihre eigentliche Haltung gegenüber LSBTIQ*-Personen aussagte. Es dauerte viel länger, bis die Schüler*innen ihre wirkliche Meinung preisgaben.

Freie Entscheidung: Coming-out als Lehrkraft an der Schule

Die häufig getroffene Generalannahm, dass alle Personen heterosexuell oder cis-geschlechtlich sind, liegt immer wieder mal falsch, denn „da stecken jede Menge Unterstellungen drin“, macht Bodo Busch, Sprecher der AG LSBTI* deutlich. In mindestens drei von vier Klassen lernen nicht-heterosexuelle Schüler*innen, zeigt die Klocke-Studie von 2012/2013 aus Berlin.

Trotz des Sichtbarkeitswunsches: Jeder LSBTIQ*-Lehrkraft sollte ein Coming-out am Arbeitsplatz freistehen. Auch bei den Teilnehmer*innen der AG LSBTI* „gibt es die ganze Bandbreite an Entscheidungen dazu. Einige Kolleg*innen meinen ihr Privatleben gehe niemanden etwas an, andere verbergen es nicht aktiv und wieder andere gehen offen damit um“, sagt Bodo Busch.

Sexuelle Vielfalt in der Schule thematisieren

Studien- oder Projekte zur Antidiskriminierung sind keine Sexualaufklärungskampagnen, auch wenn Forscher*innen, Referenten*innen oder Aktivist*innen immer wieder mit diesen falschen Zuweisungen, beispielsweise aus den Reihen der Elternschaft zu kämpfen haben. „Die Mehrheit der befragten Eltern möchte jedoch, dass sexuelle Vielfalt an der Schule ihres Kindes thematisiert wird“, stellte die Klocke-Studie heraus und empfiehlt, Elternvertreter*innen als „Verbündete“ mit einzubeziehen und „beim Abbau von Diskriminierung und Mobbing und der Förderung von Akzeptanz für Vielfalt“ Unterstützungsarbeit zu leisten.

Roma Hering, freie Journalistin

In Kürze gibt die GEW NRW unter Federführung der AG LSBTI* eine Broschüre zum Thema „In meiner Klasse gibt es keine, oder? Wie können wir Homo- und Transphobie bei Kindern und Jugendlichen abbauen?“ heraus. Die Bestellung wird über usneren Onlineshop möglich sein.