Ausbildungsreport 2017: Qualität der Berufsschule

An Berufsschulen herrscht Investitions- und Reformstau

Der Ausbildungsreport 2017 ist da! Die DGB NRW Jugend legte bei der Befragung unter 4.200 Azubis den Schwerpunkt auf Unterrichtsqualität an Berufsschulen. Wie haben NRWs Berufskollegs abgeschnitten? Julia Löhr, Jugendbildungsreferentin der GEW NRW, und Eric Schley, Bezirksjugendsekretär des DGB NRW, stellten den Ausbildungsreport 2017 beim Pressegespräch am 23. November in Düsseldorf vor.

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Schon im zehnten Jahr hintereinander leistet die DGB-Jugend mit ihrem Ausbildungsreport einen wichtigen Beitrag in der Debatte um die Qualität der Berufsausbildung in Nordrhein-Westfalen. Dabei stützt sie sich auf die Aussagen von Expert*innen, die sonst nicht zu Wort kommen: die Auszubildenden selbst. Ihre persönlichen Erfahrungen sind die Grundlage der Ergebnisse.

71 Prozent sind mit ihrer Ausbildung zufrieden

2017 haben über 4.200 junge Frauen und Männer aus den 25 häufigsten Ausbildungsberufen an der schriftlichen Befragung teilgenommen. Gefragt wurde nach Ausbildungszeiten und Überstunden, der Ausbildungsvergütung, der fachlichen Qualität der Ausbildung im Betrieb und der persönlichen Beurteilung durch die Jugendlichen. Die gute Nachricht ist: Mit über 71 Prozent sind die meisten Jugendlichen derzeit mit der Qualität ihrer Ausbildung zufrieden.

In Sachen Gleichstellung noch nicht am Ziel

Insbesondere bei der Vergütung zeigen sich große Unterschiede zwischen männlich und weiblich geprägten Berufen. So erhalten Azubis im dritten Ausbildungsjahr in „typischen Männerberufen“ durchschnittlich 850,- Euro, während es bei den „typischen Frauenberufen“ nur 700,- Euro sind. Und das obwohl in den „Frauenberufen“ mehr Überstunden geleistet werden: 45 Prozent gegenüber 32 Prozent in den von Männern dominierten Berufen.

Die strukturelle Benachteiligung schlägt sich auch in der Gesamtbewertung nieder: So lag der Anteil der „zufriedenen“ und „sehr zufriedenen“ Auszubildenden in männlich dominierten Ausbildungsberufen mit 74 Prozent zehn Punkte über dem in weiblich dominierten Berufen (64 Prozent).

Ausstattung, Abstimmung und Prüfungsvorbereitung nicht zufriedenstellend

Im aktuellen Report schätzen 55 Prozent der befragten Auszubildenden den Unterricht an ihrer Berufsschule als „gut“ oder „sehr gut“ ein, vor fünf Jahren waren es lediglich 48 Prozent. Dennoch: Im Schnitt sind die befragten Jugendlichen mit ihrer Ausbildung an der Berufsschule weit weniger zufrieden als mit ihrer Ausbildung im Betrieb.

Einer der Gründe für das schlechte Abschneiden liegt in der unzureichenden Ausstattung vieler Berufsschulen: Nur 69 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Schule „immer“ oder „häufig“ über aktuelle Unterrichtsmaterialien, technische Gerätschaften und ähnliches verfügt, die das Lernen im Unterricht erfolgreich unterstützen. Dieser Wert hat sich im Vergleich zu 2012 lediglich um einen Punkt verbessert.

Nur rund die Hälfte der Befragten (47 Prozent) bewertet die Abstimmung zwischen Schule und Ausbildungsbetrieb als „gut“ oder „sehr gut“. Und ebenfalls lediglich 48 Prozent der Befragten fühlt sich durch den Besuch der Berufsschule „sehr gut“ oder „gut“ auf die theoretische Prüfung vorbereitet. Jede*r sechste (17 Prozent) bezeichnet die Vorbereitung nur als „ausreichend“ oder „mangelhaft“. Diese Werte haben sich gegenüber dem Ausbildungsreport 2012 nur leicht verbessert. Damals fühlten sich 45 Prozent „sehr gut“ oder „gut“ vorbereitet.

Jugendliche fit für die Arbeitswelt der Zukunft machen

Die Schuld für die Defizite an den Berufsschulen wird häufig bei den Lehrer*innen gesucht und die Qualität der Lehrer*innenausbildung an den Universitäten infrage gestellt. Der Ausbildungsreport zeigt, dass diese Argumentation zu kurz greift und besonders die infrastrukturellen Rahmenbedingungen in den Blick genommen werden müssen.

Eine zeitgemäße Ausstattung der Berufsschulen mit Unterrichtsmaterial, Schulbüchern und technischen Geräten ist ebenso wichtig wie ausreichend Personal, das einen regelmäßigen Berufsschulunterricht in sinnvollen Klassengrößen ermöglicht.

Die DGB-Jugend NRW sieht daher die Landesregierung in der Pflicht, die Ausbildung an den Berufsschulen stärker in den bildungspolitischen Fokus zu rücken. In den nächsten Jahren kommt einiges auf die Berufsschulen zu. Sie stehen in der Verantwortung, Jugendliche fit für die Arbeitswelt der Zukunft zu machen: Digitalisierung, Arbeit 4.0 und die interkulturelle und soziale Kompetenzentwicklung erfordern große Anstrengungen. Ein „Weiter so“ wäre fatal.

Gewerkschaften fordern Investitionen in Ausstattung und Personal

Massiver Investitionsbedarf besteht im Bereich der beruflichen Bildung – angefangen von der Bausubstanz, über eine zeitgemäße technische Infrastruktur bis hin zu Programmen für digitales Lernen.

Außerdem muss der Lehrberuf attraktiver gestaltet werden, denn immer weniger junge Menschen entscheiden sich für das Lehramt an Berufsschulen. Und auch für Expert*innen aus Betrieben ist ein Wechsel an eine Schule meist unattraktiv. Viele Berufsschulen beklagen daher einen akuten Lehrkräftemangel. Um den Lehrberuf aufzuwerten, müssen sämtliche Stellen unbefristet angeboten werden. Insbesondere für die beruflichen Fachlehrer*innen müssen Investitionen in die Aus- und Weiterbildung getätigt sowie Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie aufgezeigt werden.

Julia Löhr, Jugendbildungsreferentin der GEW NRW
Eric Schley, Bezirksjugendsekretär des DGB NRW