TOR – ein Gewinn für alle

Die Sekundarschule auf dem Weg zur Inklusion

Am Tag der offenen Tür ist er in seinem Element. Tom übernimmt ganz engagiert eine Gruppe von interessierten Eltern und Kindern. Mit voller Begeisterung, Energie und strahlenden Augen führt er die Besucher*innen durch seine Schule, erklärt die unterschiedlichen Stationen und Angebote und fordert zum Mitmachen auf. Seine Lehrer*innen sind stolz darauf, wie Tom seine Aufgabe heute löst.
TOR – ein Gewinn für alle

Foto: iStock.com/kupicoo

Tom ist ein Schüler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf im Bereich emotionale und soziale Entwicklung. Der Junge gehört ganz selbstverständlich zur vielfältigen Schülerschaft der Sekundarschule Kleve. Gegründet im Jahr 2012 arbeitet die Sekundarschule als Schule des längeren gemeinsamen Lernens inklusiv und ist eine Schule für alle Kinder.

Heterogenität wird als Chance verstanden. Die Sekundarschule Kleve sieht und akzeptiert mit ihrem Konzept die Individualität, die Besonderheiten und Grenzen jeder/s einzelner/n Schüler*in.

Pädagogisches Geschick gefordert

Lehrkräfte und Schüler*innen finden in jeder Situation Wege des Umgangs miteinander. Schüler*innen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf stellen die Lehrkräfte vor unterschiedlichste Herausforderungen. Die einen benötigen Unterstützung in ihrer Sprach-entwicklung oder Hilfe beim Lösen von Aufgaben. Andere brauchen Begleitung bei der Bewältigung ihres Schultages.

Schüler*innen mit Unterstützungsbedarf im emotionalen und sozialen Bereich bringen sich voller Energie in den Schulalltag ein, reagieren in der Bandbreite von sensibel bis aufbrausend, sind oft in Konflikte verwickelt, zeigen sich aber auch einfühlsam, freundlich, wissbegierig, interessiert und engagiert. Kurzum: Sie fordern das gesamte pädagogische Geschick und neue Wege im Umgang jeden Tag mit Nachdruck ein.

Ein Raum mit besonderer Atmosphäre

Schüler*innen mit Beeinträchtigungen im emotionalen und sozialen Bereich haben im Schulalltag oftmals das Bedürfnis nach räumlicher Distanz zum Unterrichtsinhalt, zu Mitschüler*innen sowie zu Lehrpersonen. Häufig kommen sie bereits mit unreflektierten Erlebnissen aus ihrem familiären und sozialen Umfeld in die Schule. Aus Sicht der Kinder können Unterrichtsinhalte zur Nebensache werden und der Drang des Mitteilens sowie die Unsicherheit über unreflektierte Erlebnisse steigen im Laufe des Vormittags an.

Um den Schüler*innen einen vermehrt ausgeglichenen Schultag zu ermöglichen, an dem sie auch wieder offen sein können für den Unterricht und die Teilnahme am Schulleben, wurde der Time-Out-Raum (TOR) entwickelt. Im TOR können aktuelle Probleme und „diffuse Unsicherheiten“ mit professioneller Begleitung thematisiert werden.

Die sozialemotionalen Bedürfnisse der Schüler*innen haben Vorrang. Der TOR soll verhaltensauffälligen Schüler*innen

  • eine „Auszeit“ gewähren, um wieder zur Ruhe zu kommen.
  • die Möglichkeit geben, wieder zu sich zu finden und das eigene Verhalten zu reflektieren.
  • Gespräche ermöglichen, die in einer angenehmen Atmosphäre geführt werden können.
  • Raum und Zeit zur Weiterarbeit an Unterrichtsinhalten bieten.
  • die Möglichkeit gewähren, angestaute Aggressionen auch durch körperliche Aktivitäten abbauen zu können.

Partnerschaft für die Lerngemeinschaft

Gemeinsam machen sich Schüler*innen und Lehrkraft auf den Weg, um wieder eine förderliche Lernatmosphäre zu schaffen und werden zu Partner*innen in der Lerngemeinschaft. Vertrauen und Sicherheit wächst auf beiden Seiten und bestätigt die Vermutung, dass man gemeinsam Vieles erreichen kann.

Eine inklusive Schulentwicklung bedarf immer wieder neuer Ideen und ungewöhnlicher Wege. Sie ist ein Lernprozess für alle, die daran beteiligt sind. Auch Tom ist der TOR bekannt und er hat schon erfahren, dass er dort mit professioneller Unterstützung wieder zu sich selbst finden und ganz engagiert am Schulleben teilhaben kann. Inklusion braucht Zeit, Zuwendung und Wertschätzung.

 

Gabriele Pieper, Christoph Smetten

In: nds 2-2014