Schulstart gehört in die Hände von Spezialist*innen

Besondere Herausforderungen in der Schuleingangsphase

Lehrkräfte fehlen vor allem an Grundschulen in NRW. Deshalb unterrichten vermehrt Seiteneinsteiger*innen und Lehrkräfte anderer Schulformen Kinder in der Primarstufe. Im Interview erklärt Prof. i.R. Dr. Jörg Ramseger, der Referent beim „Fachgespräch Grundschule: Schule gut beginnen“ der GEW NRW am 18. Juni 2018 sein wird, welche Herausforderungen die Schuleingangsphase mit sich bringt und warum der Schulstart besonders sensibel ist. Das Fachgespräch wird zugleich Auftaktveranstaltung der Kampagne „AUFBRECHEN Zukunft Grundschule“.
Schulstart gehört in die Hände von Spezialist*innen

Foto: Dominik Buschardt

Eine der besonderen Herausforderungen in der Schuleingangsphase ist die Heterogenität der Schulanfänger*innen in einer Klasse, auch bezogen auf Kinder mit wenig oder keinerlei Deutschkenntnissen. Welche Unterstützung brauchen Lehrkräfte, damit diese Heterogenität kein Problem, sondern ein Gewinn für die Kinder wird?

Prof. i.R. Dr. Jörg Ramseger: Prinzipiell ist die Grundkonstruktion einer weitgehend binnendifferenziert arbeitenden Grundschule mit überschaubaren Klassengrößen und einem systematischen Teamwork der diversen in der Grundschule arbeitenden Professionen die Organisationsform, die den größten Bildungserfolg bei sehr heterogenen Lerngruppen verspricht.

Integrationsprojekte waren hinsichtlich der Klassengrößen schon in den 1980er und 1990er Jahren sehr erfolgreich mit dem Schlüssel 18 nichtbehinderte Kinder plus zwei Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder 17 nichtbehinderte Kinder plus drei Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf bei permanenter Doppelbesetzung in multiprofessionellen Teams und mit zusätzlicher Supervision. Von einer solchen Ausstattung sind die meisten Schulen weit entfernt, die heute Inklusion realisieren sollen. Es ist aber nicht einzusehen, wie man auf solche Mindeststandards verzichten könnte, wenn man Inklusion verantwortlich betreiben will.

Konzentriert man mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sowie solche mit geringen Deutschkenntnissen oder gar traumatischen Fluchterlebnissen in großer Zahl in Schulen in ohnedies belasteten Stadtteilen, werden die Probleme rapide hochkomplex. Ob dann – insbesondere für traumatisierte Kinder – zeitweilig kleine monolinguale Vorbereitungsklassen im Einzelfall sinnvoll sind, kann aber nicht die Politik für das ganze Land entscheiden, sondern nur die jeweilige Schule oder das Schulamt vor Ort – jeweils im Hinblick auf die konkreten Kinder und Standortbedingungen.

Wegen des Lehrkräftemangels werden immer mehr Seiteneinsteiger*innen und Kolleg*innen mit anderen Lehrämtern an Grundschulen beschäftigt. An welchen Stellen sehen Sie Probleme und Herausforderungen dieser Personalmaßnahmen im Hinblick auf einen gelingenden Schulstart?

Die Beschäftigung von Laienpädagog*innen in der Grundschule ist die schärfste Dequalifizierungskampagne, die je gegen diese Schulform betrieben wurde. Sie missachtet, in groteskem Gegensatz zu den ständig steigenden Anforderungen an die Grundschularbeit, die Spezifität des Bildungsauftrags der Grundschule und die besonderen fachlichen Anforderungen, die für die Einführung der Kinder in der Schriftkultur erforderlich sind. Die Annahme, dass jede*r, die*der schreiben und lesen kann, dies auch Kindern beibringen könne, ist abenteuerlich und völlig absurd.

Mit der Beschäftigung von Laienpädagog*innen an den Grundschulen sind massive Risiken verbunden: Hohes Konfliktpotenzial infolge von mangelndem fachlichen, fach-didaktischem und pädagogischem Wissen, verstärktes Schulversagen von Kindern und eine Verschärfung der sozialen Ungleichheit durch ungleiche Verteilung der Seiteneinsteiger*innen auf Stadt und Land sowie privilegierte und benachteiligte Stadtteile.

Die Beschäftigung von Lehrkräften aus dem Sekundarbereich in Klasse 3 und 4 der Grundschule ist der Anstellung von Laienpädagog*innen allemal vorzuziehen. Die Schuleingangsstufe muss aber sowohl für Laienpädagog*innen als auch für Lehrkräfte aus dem Sekundarbereich absolut tabu bleiben: Niemand, der nicht über eine Spezialausbildung für die Alphabetisierung verfügt, kann die Erstklässler*innen sinnvoll und erfolgreich in die Kultur der Schriftsprache einführen. Dafür braucht es Kenntnisse, die nicht in irgendwelchen Schnellkursen an drei Abenden mal eben nebenbei vermittelt werden können.

Die Fragen stellte Rixa Borns, Mitglied im Leitungsteam der Fachgruppe Grundschule der GEW NRW.