Vom Elend in die Armut?

Zuwanderungsfamilien aus Rumänien und Bulgarien im Ruhrgebiet

Seit dem Beitritt von Rumänien und Bulgarien in die Europäische Union (EU) im Jahr 2007 hat die Einwanderung aus beiden Ländern nach Deutschland zugenommen. Häufig sind es Roma-Familien, die in ihrer osteuropäischen Heimat keine Zukunft mehr sehen und genau diese, eine Perspektive für die Zukunft, wünschen sich die Eltern für ihre Kinder. Elisabeth Pater ist Leiterin der Kommunalen Integrationsstelle in Duisburg und betreut Zuwandererfamilien seit vielen Jahren. Die ehemalige Lehrerin weiß um die Situation in der Ruhrgebietsstadt und versucht in ihrer täglichen Arbeit Zuwander*innen, wie Familie Chelu aus Rumänien bestmöglich zu unterstützen.
Vom Elend in die Armut?

Foto: B. Butzke

Der Arbeitsmarkt für die Zuwander*innen aus Rumänien und Bulgarien war nicht von Beginn des EU-Beitritts offen, denn die Bundesrepublik machte von der Möglichkeit Gebrauch, die Freizügigkeit von Arbeitnehmer*innen für eine Übergangsfrist von maximal sieben Jahren einzuschränken. Viele Zuwander*innen meldeten vorerst ein Gewerbe an. Als sich die Zuwanderungszahlen in 2012 stark erhöhten, blickte die Öffentlichkeit dem Ablauf der Frist entgegen: Seit Januar 2014 gilt die volle Niederlassungsfreiheit der EU auch für Bürger*innen aus Rumänien und Bulgarien.

Zuflucht suchen im Ruhrgebiet
Es wurde befürchtet, dass eine große Menge Armutsflüchtlinge gen Westen auswandern würde. Während die einen den massenhaften Zuzug in die sozialen Sicherheitssysteme befürchteten und als Schreckgespenst an die Wand malten, versuchten andere Stellen zu beschwichtigen: So stellt das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln in einer Studie fest, dass der größte Teil der Zuwander*innen qualifizierte Arbeitskräfte seien, die dringend gebraucht werden als Fachkräfte in der Pflege, als Handwerker*innen und Industriearbeiter*innen. Aus den Zahlen geht zudem hervor, dass an die neue Zuwanderungsgruppe nicht mehr staatliche Transferleistungen geleistet werden als im Bundesdurchschnitt. Diese Zahlen bewiesen allerdings auch, wie geduldig und dehnbar solche Rechenspiele sind. Denn: Unbestritten ist, dass es neben der Migration von gut ausgebildeten Menschen eine Armutsflucht aus Rumänien und Bulgarien gibt davon sind einige Städte in NRW ganz besonders betroffen. Roma-Familien, die in ihren Herkunftsländern schon lange keine Hoffnung mehr haben, machen sich auf den Weg und nutzen die neue Freizügigkeit. Doch die Armutsflucht führt bis heute für viele von einer Armut in die andere. Besonders deutlich wird dieser Umstand, weil sich Zuwander*innen in bestimmten Gebieten sammeln: In Nordrhein-Westfalen sind neben Essen, Köln, Hamm und Hagen die Ruhrgebietsstädte Duisburg und Dortmund häufig gewählte Zufluchtsorte. Beide Orte hatten jedoch schon vorher große soziale Probleme und können den Ansturm alleine kaum schultern. Während Dortmund im März 2014 etwa 4.000 neue Armutsflüchtlinge zählte, waren es in Duisburg schon über 11.000. Jeden Monat kommen etwa 500 Menschen hinzu.

Leben von Kindergeld
Elisabeth Pater ist als Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums Duisburg mit vielen anderen Fachkräften der Stadt für zugewanderte Menschen zuständig. Als Lehrerin an verschiedenen Schulformen hat sie lange Integration von Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Ländern praktisch mitgestaltet. Als Leiterin der ehemaligen Regionalen Arbeitsstelle (RAA) hat die engagierte Lehrerin viele Kolleg*innen bei dieser Aufgabe begleitet und unterstützt. „In Duisburg stellt der Zuzug aus den beiden EU-Ländern Rumänien und Bulgarien vor allem deshalb eine besonders große Herausforderung dar, weil rund 40 Prozent der Neubürger*innen unter 18 Jahre alt sind. Die Erwachsenen haben zu einem großen Teil keine berufliche Qualifikation. Viele der Familien aus Rumänien und Bulgarien leben bis jetzt nur vom Kindergeld“, erzählt Elisabeth Pater. Mit großer Spannung wird daher ein Urteil des Europäischen Sozialgerichts erwartet, bei dem es darum geht, ob Zuwanderung in die Sozialsysteme möglich ist. Das ist sozialer Sprengstoff, der dadurch potenziert wird, dass Zuwanderung zwar im gesamten Duisburger Stadtgebiet stattfindet, sich in einigen Vierteln aber stark konzentriert. Das hat unter anderem Konsequenzen für die Schulen: „Die Kinder kommen mit sehr unterschiedlichen schulischen Voraussetzungen in die Klasse. Wir versuchen die Situation als Erstes gemeinsam mit den Eltern zu klären, um sie besser einschätzen zu können. Die Bereitschaft dafür ist groß. Die meisten Eltern wissen, dass die Verbesserung ihres Lebens nur über Bildung funktioniert“, erklärt Elisabeth Pater.

Große Unterstützung durch Lehrkräfte
Also werden zunächst internationale Integrationsklassen – in Duisburg die sogenannten Seiteneinsteigerklassen gebildet, in denen der Spracherwerb im Vordergrund steht. „Wir beziehen in Duisburg alle Schulformen ein. Bei den Grundschulen ist eine Verteilung der Kinder auf alle Schulen wegen der zu langen Wege nur zum Teil möglich. So hat eine Grundschule in Duisburg-Hochfeld vier Seiteneinsteigerklassen, andere zwei oder eben auch keine“, schildert die Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums die Situation. Wer nun denkt, dass der weitverbreitete und erfolgreiche Offene Ganztag der Grundschulen für Kinder aus Zuwandererfamilien förderlich sein müsste, wird enttäuscht: Die meisten Familien können den notwendigen Betrag für die Ganztagsbetreuung und -verpflegung nicht aufbringen. Denn die Familien sind nicht sozialhilfeberechtigt, sie erhalten auch keinen städtischen Zuschuss oder Mittel aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, der Bildungsförderung für Hartz-IV-Bezieher*innen. Bei den weiterführenden Schulen sind alle Schulformen an der Förderung der Roma-Kinder beteiligt darunter auch die Berufskollegs. Den größten Teil aber schultern die 16 Gesamtschulen: „Viele der Klassenlehrer*innen haben sich für die Aufgabe freiwillig gemeldet, manche haben noch Erfahrungen aus den 1990er Jahren, als die Zuwanderung durch den Jugoslawienkrieg stark anstieg. Manche Lehrer*innen haben Interesse an der Sprachvermittlung. Sie leiten soziales Engagement oder sie wissen, dass es hier um eine Zukunftsaufgabe geht, die auch beruflich interessant sein kann“, sagt Elisabeth Pater.

Kooperationen fördern Integration
Gibt es momentan noch einzelne Arbeitskreise und Workshops für Lehrer*innen von Seiteneinsteigerklassen, so soll bald eine systematische Fortbildung geschaffen werden, bei der es um rechtliche und didaktische Themen ebenso geht wie um Kenntnisse aus der Kultur der Neu-Duisburger*innen. Auch die Kooperation mit ausgebildeten Mitarbeiter*innen der Jugendhilfe sowie mit Familienhelfer*innen, die die sprachliche Vermittlung leisten können, muss weiter ausgebaut werden. Die Kolleg*innen leisten elementare Integrationsarbeit bei den Familien vor Ort: „Wir haben überwiegend positive Rückmeldungen zur Zusammenarbeit mit Jugend- und Familienhilfe. Die Kinder wollen lernen und viele erzielen auch schnelle Erfolge. Positiv wirkt sich dabei aus, wenn besondere Begabungen der Kinder gesucht und erkannt werden. Wir haben Kinder mit besonderen Fremdsprachenkenntnissen gefunden und mit großartigen musischen Fähigkeiten“, erzählt Elisabeth Pater begeistert. An den Aktionen für die Kinder sind auch Initiativen aus der Bürgerschaft beteiligt. In Duisburg und in vielen anderen Städten im Ruhrgebiet gibt es viele Vereine oder Einzelpersonen, die mit Theater- oder Kunstprojekten Integration fördern wollen und damit sehr viel erreichen.

Kommunale Integrationszentren
In Nordrhein-Westfalen wurden bisher 49 Kommunale Integrationszentren gegründet oder werden aktuell aufgebaut. Sie übernehmen das Aufgabenfeld der ehemaligen Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien NRW (RAA). Die Zentrale  bildet die Landesweite Koordinierungsstelle (LaKI) mit Sitz in Essen. Zu den Aufgaben zählen unter anderem:

  • Bestands- und Bedarfsanalysen zu integrationsrelevanten Daten und Fakten
  • Entwicklung integrationspolitischer Handlungskonzepte
  • Konzepte interkultureller und durchgängiger sprachlicher Bildung entlang der biografiebegleitenden Bildungskette (Kindergarten, Schule, Übergang von Schule in den Beruf)
  • Fortbildungen zur durchgängigen Sprachbildung für Erzieherinnen und Erzieher, für Ausbilderinnen und Ausbilder und für Lehrerinnen und Lehrer

Bert Butzke // In: nds 6/7-2014

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