Unterstützung bei Schulzeitverkürzung G8/G9

Runder Tisch verabredet Maßnahmenpaket

Nach zehn Jahren Umstellungsprozess wurde die Debatte um G8 durch Diskussionen in anderen Bundesländern und zwei Bürgerinitiativen auch in Nordrhein-Westfalen erneut angestoßen. Daher lud Schulministerin Sylvia Löhrmann zu einem Runden Tisch am 5. Mai 2014 ein. Fast ein halbes Jahr lang entwickelten Arbeitsgruppen Empfehlungen für den runden Tisch. Am 3. November wurden sie abschließend diskutiert und mit den Voten der beteiligten Organisationen zur Weitergabe an den Landtag verabschiedet. Die nds sprach dazu mit Dorothea Schäfer, Vorsitzende der GEW NRW.
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Foto:Suze/photocase.de

GEW NRW: Warum hat die GEW NRW das Maßnahmenpaket zur Weiterentwicklung des achtjährigen Bildungsgangs am Gymnasium als ersten Schritt begrüßt? Ist das nicht ein Widerspruch zur Grundsatzposition der Bildungsgewerkschaft?

Dorothea Schäfer: Die GEW NRW ist der Einladung von Schulministerin Sylvia Löhrmann zur Teilnahme am Runden Tisch zu G8/G9 gefolgt und hat in den letzten sechs Monaten an allen sieben Arbeitsgruppensitzungen teilgenommen. Insbesondere die Fachgruppe Gymnasium hat sich intensiv mit dem Prozess beschäftigt. Vorschläge für weitere Empfehlungen oder veränderte Formulierungen wurden bei den Treffen im Schulministerium eingebracht. Dabei konnten wir einige Forderungen durchsetzen: unter anderem die Einbeziehung der Qualitäts- und Unterstützungsagentur Landesinstitut für Schule (QUA-LiS NRW) oder der Schulaufsicht. Für die Entwicklung von Hausaufgaben- und Lernzeitenkonzepten oder für die Etablierung einer neuen Anerkennungskultur, die für alle Schulen gelten soll, muss damit nicht jede Schule das Rad neu erfinden. Bei den Empfehlungen zum Nachmittagsunterricht war uns eine Unterscheidung zwischen Schulen mit gebundenem Ganztag und Schulen mit offenen Ganztagsangeboten wichtig. Ein geänderter Ganztagserlass wird sich auch auf die anderen Schulformen auswirken. Andere Forderungen nach einer erneuten Überprüfung der Kernlehrpläne wurden von den meisten Organisationen abgelehnt. Im Blick auf die vorgetragenen Beschwerden von Schüler*innen und Eltern über zu hohe Belastungen und die aufwändig entwickelten Empfehlungen, die ohne langen Vorlauf umgesetzt werden können vorausgesetzt der Landtag greift sie auf, hätte sich die GEW NRW tatsächlich ins Abseits gestellt, wenn sie diese Empfehlungen abgelehnt hätte. Eine verbindliche Weiterentwicklung des achtjährigen Bildungsgangs am Gymnasium auf der Basis des Zehn-Punkte-Programms kann man doch nur dann ablehnen, wenn man die Beschwerden als überzogen bewertet oder sie ignoriert.

Werden die Kolleg*innen in den Schulen nicht stark belastet, wenn sie das Maßnahmenpaket umsetzen sollen?

Einige Kolleg*innen haben uns schon geschrieben, dass viele der Vorschläge schon jetzt gängige Praxis seien und sie sich keine weitere Entlastung für die Schüler*innen davon versprechen. Wir haben jedoch auch schon zuvor Rückmeldungen aus Gymnasien ohne gebundenen Ganztag bekommen mit sehr langen Schultagen in den unteren Klassen, mit Konflikten zur Anzahl der Nachmittage mit Unterricht oder der Unvereinbarkeit von Schulunterricht und außerunterrichtlichem Engagement.

Wurde in den Arbeitsgruppen überhaupt über die Möglichkeit, das G8-Gymnasium wieder zu einem G9-Gymnasium zu machen, diskutiert?

Es wurden verschiedene Varianten vorgeschlagen und diskutiert, die von uns nicht mitgetragen werden: darunter die Wahlmöglichkeit des einzelnen Gymnasiums G8 oder G9 anzubieten, das Parallelsystem innerhalb eines Gymnasiums und die Rückkehr zum G9-Halbtagsgymnasium.

Wieso trägt die GEW NRW die Forderungen der Bürgerinitiativen nicht mit, nämlich eine flächendeckende Wiedereinführung der neunjährigen Schulzeit an allen Gymnasien mit Wirkung zum nächsten Schuljahr? Entspricht das nicht der GEW-Position?

Die Bürgerinitiativen verbinden ihre pauschale Forderung nach der Rückkehr zu einem neunjährigen Bildungsgang am Gymnasium mit einer Reduzierung der Stundentafel einschließlich Streichung der Ergänzungsstunden sowie mit einem durchgängigen Verzicht auf verpflichtenden Nachmittagsunterricht. Sie lehnen es außerdem ab, dass Hausaufgaben von Lernzeiten in der Schule abgelöst werden sie möchten das alte Halbtagsgymnasium zurück. Diese Rolle rückwärts lehnt die GEW NRW ab.

Aber mit diesen Empfehlungen sind nicht alle Probleme gelöst. Wie soll es weitergehen?

Das Problem der Abkopplung des Gymnasiums in der Sekundarstufe I von den anderen Schulformen und der fehlende mittlere Schulabschluss für die Schüler*innen, die in der Oberstufe des Gymnasiums die Versetzung in die Qualifikationsphase nicht schaffen, hat die GEW NRW offensiv benannt und zudem in die Arbeitsgruppe „Schulstruktur“ der Bildungskonferenz eingebracht. In das Abschlusspapier des Runden Tisches zu G8/G9 sind unsere weitergehenden Forderungen aufgenommen worden: die sechsjährige Sekundarstufe I an allen Schulformen, die Vergabe aller Abschlüsse der Sekundarstufe I auch am Gymnasium und eine Reform der gymnasialen Oberstufe, die zwei, drei oder vier Jahre umfassen kann. Diese Forderungen werden vom DGB, vom VBE NRW und von der Landeselternschaft der Grundschulen in NRW unterstützt. Die Landesschüler*innenvertretung hat sich außer zur Reform der gymnasialen Oberstufe diesen Forderungen angeschlossen. „Lernen im eigenen Takt“, eine Rückkehr zu einer Gleichwertigkeit der Fächer und andere Veränderungen, für die es bereits einen Grundlagenbeschluss des GEW-Hauptvorstandes gibt, müssen von uns konstruktiv weiterentwickelt und vertreten werden.

Die Fragen für die GEW NRW stellte Fritz Junkers.

 Zehn Empfehlungen

Der Runde Tisch zu G8/G9 beschloss folgende zehn Empfehlungen zur Weiterentwicklung des achtjährigen Bildungsgangs am Gymnasium: 

  1. Nutzung der Ergänzungsstunden auf eine neue Grundlage stellen
  2. Hausaufgaben begrenzen, Lernzeiten entwickeln
  3. Zahl der Klassenarbeiten pro Woche stärker begrenzen
  4. Fächerbindung in der Jahrgangsstufe 9 lockern
  5. Schülerlaufbahnen in der Sekundarstufe I stärker unterstützen
  6. Nachmittagsunterricht, schulische Ganztagsangebote, außerschulische Angebote und Freizeit in Einklang bringen
  7. In den Schulen eine neue „Anerkennungskultur“ etablieren
  8. Bestehende schulinterne Lehrpläne erneut überprüfen
  9. Gestaltungsmöglichkeiten in der Oberstufe stärker nutzen
  10.  Wirksamkeit der Maßnahmen sichern und evaluieren

Bereits 2010 entwickelte das Ministerium für Schule und Weiterbildung einen Maßnahmenkatalog mit insgesamt sieben Handlungsfeldern, der die innerschulischen Entwicklungsprozesse zur Verkürzung der gymnasialen Schulzeit entlasten und optimieren sollte. Dieser Impuls brachte ganz offenbar nicht das gewünschte Ergebnis. Wenn die zehn Empfehlungen nicht das gleiche Schicksal erleiden sollen wie die sieben Handlungsfelder, sind aus Sicht der GEW NRW folgende Punkte von Bedeutung:  

  • größere Verbindlichkeit und klare rechtlich fixierte Regelungen sowieHilfe und Unterstützung der Schulen durch QUA-LiS NRW und Schulaufsicht
  • Eigenverantwortlichkeit von Schulen bedeutet nicht, dass Schulen alleingelassen werden, wenn politisch falsche Grundentscheidungen korrigiert werden müssen.              

Dorothea Schäfer // In: nds 11/12-2014