Soziale Ungleichheit: Möglichkeiten für kommunalpolitisches Handeln

Risikolagen ernst nehmen

Kein Thema ist ein solcher bildungspolitischer Dauerbrenner wie die soziale Ungleichheit. Dabei wird der Debatte dadurch neue Nahrung gegeben, dass immer wieder nur unzureichende Fortschritte dokumentiert werden können. Das Versprechen des gesellschaftlichen Aufstiegs durch Bildung wird in der Realität nicht gehalten das liegt sicherlich nicht ausschließlich an den Bildungsinstitutionen und ihrem Handeln.
Soziale Ungleichheit: Möglichkeiten für kommunalpolitisches Handeln

Foto: K5141 66. Jahrgang Oktober2014 ISSN0720-9673

Gleichwohl stehen sie unter Handlungs- und Rechtfertigungsdruck. Während sich die Zivilgesellschaft fragen muss, warum sie bereit ist, soziale Ungleichheit des regelmäßig in nationalen wie internationalen Studien nachgewiesenen Ausmaßes zu tolerieren und ihr nicht mit stärker auf Gleichheit ausgerichteten Wertvorstellungen zu begegnen, ist insbesondere die Politik und nicht nur die Bildungspolitik für die allmähliche Verbesserung der Situation in die Verantwortung zu nehmen.

Leistung ist abhängig von der sozioökonomischen Herkunft
In Deutschland ist seit Jahren ein besonders enger Zusammenhang zwischen familiären Lebensverhältnissen, Bildungsbeteiligung und Kompetenzerwerb nachweisbar. Besonders Familien in Risikolagen sind hier gefährdet, darunter fallen Bildungsferne sowie soziale und finanzielle Risikolagen. Diese treten in den deutschen Bundesländern in unterschiedlichem Ausmaß auf: In Nordrhein-Westfalen sind 34,6 Prozent aller unter 18-Jährigen von mindestens einer Risikolage betroffen (bundesweit: 29 Prozent), 5,1 Prozent der Kinder in NRW (bundesweit: 3,4 Prozent) sogar von allen drei Risikolagen zeigt der Bericht „Bildung in Deutschland 2014“. Trotz Bildungsexpansion und Drang der Eltern auf die höherwertigen Schulformen wie das Gymnasium werden Bildungsdisparitäten im Zeitverlauf regional häufig noch verstärkt, wenn der Anteil der Kinder aus nicht benachteiligten Stadtvierteln am Gymnasium schneller ansteigt als der Anteil der Kinder aus benachteiligten Stadtvierteln. Die Folge ist, dass in Deutschland bereits am Ende der Grundschulzeit die Leistungsunterschiede in Abhängigkeit von der sozioökonomischen Herkunft der Schüler*innen wie in vielen anderen Ländern auch stark variieren. Beispielsweise gelingt es jedoch den Niederlanden deutlich besser, die Unterschiede gering zu halten.

Ressourcen fair und richtig verteilen
Wie könnte die Bildungspolitik reagieren? Das Verfehlen des Hauptschulabschlusses oder der Mindeststandards bei der Leistungsüberprüfung im Rahmen der Lernstandserhebungen sowie die Kumulierung von Schüler*innen mit Risikolagen an einzelnen Schulen müssten ernst genommen werden: Schulen mit solchen Herausforderungen könnten durch eine Ressourcenausstattung, die ihre Problemlagen berücksichtigt zum Beispiel mithilfe eines Sozialindex verbesserte Förderangebote offerieren, deren Erfolg durch Evaluation überprüft wird. Zudem kann eine stärkere berufsbezogene Profilierung der Abschlussklassen dazu beitragen, mehr Schüler*innen zum Abschluss zu führen. Auch kommunale Schulpolitik kann durch die Ausgestaltung ihres Schulangebots einen Beitrag leisten: Allein die räumliche Nähe von Schulformen, die einen höherwertigen Abschluss ermöglichen, kann die Übergangsquoten zu diesen Schulformen an Grundschulen in benachteiligten Milieus fortwährend positiv beeinflussen. Und genau hier liegen Möglichkeiten für kommunalpolitisches Handeln.

Gabriele Bellenberg // In: nds 10-2014