Recht auf Bildung – eine Gemeinschaftsaufgabe

Bildungsberatung für neu zugereiste Kinder und Jugendliche in Dortmund

Dortmund eine Stadt mit hoher Zuwanderungsquote und leider auch mit Kindern und Jugendlichen, die in prekären sozialen Verhältnissen leben. Dass die Kommune Verantwortung für Bildung übernimmt, ist hier immens wichtig. In den vergangenen Jahren hat die Stadt Dortmund vieles auf den Weg gebracht, um für alle Kinder und Jugendlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, die sie in die Lage versetzen, ihr Leben selbstbewusst und eigenständig zu gestalten.
Recht auf Bildung – eine Gemeinschaftsaufgabe

Foto: iStock.com/Steve Debenport

Eine konsequente Weiterentwicklung des eingeschlagenen Weges war die Eröffnung des Dienstleistungszentrum Bildung (DLZB) am 29. Januar 2014. Diese zentrale Anlaufstelle bietet Kindern, Jugendlichen, ihren Eltern aber auch Multilplikator*innen Informationen rund um Bildung. Angesiedelt ist das DLZB im Fach-bereich Schule der Stadt Dortmund. Ziel ist es, eine neutrale und unabhängige Beratung zu Themen rund um Bildung zu bieten und so mehr Transparenz zu möglichen Bildungswegen in Dortmund herzustellen. Zu den drei großen Beratungssäulen des DLZB gehört neben der allgemeinen Bildungsberatung und der Berufsschulpflichtberatung auch die Beratung für neu aus dem Ausland zugereiste Schüler*innen. Hinter dieser eher bürokratischen Beschreibung der Zielgruppe, versteckt sich eine sehr heterogene Gruppe von Kindern und Jugendlichen. Zum Beispiel ziehen Familien aus Spanien nach Dortmund, weil sie hier eine Arbeit gefunden haben. Oder Jugendliche flüchten ohne ihre Eltern aus Guinea. Und es gibt rumänische Familien, die sich in Dortmund ein neues Leben aufbauen möchten. Die Beratung dieser Kinder und Jugendlichen liegt in gemeinsamer Verantwortung des Schulamts für die Stadt Dortmund, des DLZB und des Kommunalen Integrationszentrums. Im DLZB kümmern sich neben der Leitung, die für die Gesamtkoordination zuständig ist, drei Mitarbeiter*innen und ein Sozialarbeiter in Ausbildung um die individuellen Bildungsbedürfnisse. Rund 1.400 neu zugereiste Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene waren 2014 mit ihren Eltern oder Betreuer*innen zur Beratung und Schulzuweisung im DLZB. In erster Linie möchten die Eltern für ihre Kinder schnell einen Schulplatz finden, aber auch Fragen nach außerschulischen Fördermöglichkeiten oder Informationen zu möglichen Schulabschlüssen spielen in der Beratung eine Rolle. In den letzten Jahren ist die Zuwanderung in Dortmund stark gestiegen und der Bedarf an Auffangklassen wächst stetig (siehe Grafik): Im März 2015 gab es 88 Auffangklassen an 62 Schulen  darunter die Primarstufe und alle Schulformen der Sekundarstufe I sowie Berufskollegs. Insgesamt werden hier 1.484 Schüler*innen beschult.

Anfangen bei den individuellen Bildungsvoraussetzungen
Alle schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen, die aus dem Ausland nach Dortmund ziehen, werden zunächst im DLZB beraten. Die Familien bekommen in der Beratung einen Überblick über das hiesige Schulsystem und werden auch über organisatorische Details wie Schülertickets und die Schuleingangsuntersuchung beim Gesundheitsamt informiert. Darüber hinaus werden im Beratungsgespräch die Lernausgangslage geprüft und die unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen berücksichtigt. Diese reichen von Jugendlichen, die bereits zwölf Jahre im Herkunftsland zur Schule gegangen sind, bis zu Kindern, die aufgrund der Kriegssituation in ihrer Heimat nur unregelmäßig zur Schule gehen konnten. Auf Grundlage des Beratungsgesprächs kann den Kindern und Jugendlichen anschließend ein passender Schulplatz zugewiesen werden. So gibt es zum Beispiel zwei Alphabetisierungsklassen, die sich an  Kinder und Jugendliche richten, die nicht alphabetisiert sind beziehungsweise das lateinische Alphabet nicht gelernt haben. Das erste Kriterium für die Zuweisung eines Schulplatzes ist die Wohnortnähe: Das DLZB bemüht sich, die Kinder und Jugendlichen möglichst an Schulen unterzubringen, die in der Nähe ihres Wohnortes sind. Jugendliche, die im Herkunftsland bereits einen Schulabschluss erworben haben, können im DLZB eine Erstberatung zur Anerkennung des Zeugnisses bekommen. Da dieser Prozess mit all seinem bürokratischen Aufwand für die Jugendlichen und deren Familien oft eine große Herausforderung darstellt, werden sie bei der Anerkennung begleitet und unterstützt. Für neu aus dem Ausland zugereiste berufsschulpflichtige Jugendliche haben die Dortmunder Berufskollegs spezielle Angebote entwickelt, die sich in ihren Zielen und Zugangsvoraussetzungen unterscheiden, da die Jugendlichen unterschiedliche Sprachkenntnisse und Bildungsvoraussetzungen mitbringen. Steht in den Vorbereitungsklassen der Erwerb der Deutschkenntnisse an erster Stelle, können Jugendliche in der Berufsfachschule 1 bereits einen Hauptschulabschluss nach Klasse 10 erwerben.

Lehrkräfte und Kooperationspartner ins Boot holen
Doch nicht allein die neu zugereisten Schüler*innen brauchen Unterstützung, sondern auch diejenigen, die täglich mit ihnen zu tun haben: Das DLZB ist deshalb auch Anlaufstelle für die Lehrkräfte, die in den Auffangklassen unterrichten. Angeboten werden Fortbildungen, die sie auf den Umgang mit den neu zugereisten Schüler*innen vorbereiten, zum Beispiel zu Deutsch als Zweitsprache, Traumapädagogik und interkultureller Kompetenz. Das DLZB organisiert darüber hinaus Arbeitskreise zum Erfahrungsaustausch, leistet pädagogische Beratung und ermöglicht Hospitationen. Wer auf der Suche nach geeigneten Unterrichtsmaterialien ist, findet im DLZB nicht nur kompetente Beratung, sondern auch eine umfangreiche Materialausleihe. Alle Angebote werden in enger Absprache mit und an den Bedarfen von Lehrkräften entwickelt.  Um Schüler*innen und Schulen zu unterstützen, kooperiert das DLZB zusätzlich eng mit den beteiligten Ämtern etwa dem Gesundheits- und dem Jugendamt und mit den Jugendmigrationsdiensten. In Zusammenarbeit mit einem Beschäftigungsträger ist das Team an der Konzeptentwicklung für eine Potentialanalyse in der Berufsorientierung beteiligt.

Eine gesamtstädtische Strategie entwickeln
Angesichts der kontinuierlich steigenden Zahl neu zugereister Familien und der daraus entstehenden Bedarfslage im Fachbereich Schule war in Dortmund schnell klar: Es braucht eine gesamtstädtische Strategie zur Beschulung der Kinder und Jugendlichen. Koordiniert vom DLZB wird deshalb derzeit ein regionales, zielgruppenspezifisches, bedarfsgerechtes, kompetenzorientiertes und ganzheitliches Bildungsangebot für zugewanderte Kinder und Jugendliche in institutionsübergreifender Verantwortung entwickelt. Im Mittelpunkt der gemeinsamen Strategie steht die Verbesserung der Lern- und Lebenschancen aller Kinder und Jugendlichen entlang ihrer Biografie. Ein eigens eingerichteter Koordinierungskreis bringt Vertreter*innen aller am Thema beteiligten Institutionen zusammen. Mit verschiedenen an der Bildungskette ausgerichteten Handlungsfeldern werden die Herausforderungen auf operativer Ebene in einer gemeinsamen Aktion bearbeitet. Dortmund hat es geschafft, mit diesem breit angelegten Unterstützungsangebot umfassend auf die aktuellen Zuzüge zu reagieren. In Zukunft wird es aber eine Herausforderung bleiben, auf die weiter steigende Zahl der neu zugereisten Kinder und Jugendlichen zu reagieren. Um dieser Herausforderung gerecht zu werden und das Recht auf Bildung für alle Kinder und  Jugendlichen umzusetzen, muss die begonnene Zusammenarbeit mit allen beteiligten Partnern kontinuierlich fortgesetzt werden.

Phyllis Paul // In: nds 5-2015