Gymnasium in Bewegung

Konsequente Weiterentwicklung

Das Clara-Schumann-Gymnasium liegt idyllisch am Rande von Dülken, einem Stadtteil von Viersen. Und harmonisch geht es auch im Schulgebäude zu: Im Lehrerzimmer tauscht sich das Kollegium angeregt aus, in den Klassenräumen arbeiten Schüler*innen in Gruppen und auf dem Pausenhof ist Bewegung angesagt. Umfangreiche Entwicklungskonzepte, Kooperatives Lernen, regelmäßige Lehrerfortbildungen, musikalische und naturwissenschaftliche Schwerpunkte, internationale Kooperationen, all das ist am zukunftsfähigen Gymnasium zu finden.
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Beim Tennis spielen werden vor dem Unterricht Körper und GEist geweckt. Foto:Butzke/Clara.de

Die 1872 als Städtische Höhere Bürgerschule gegründete Schule hatte es in den letzten Jahrzehnten nicht immer leicht: Vor 15 Jahren besuchten das Clara-Schumann-Gymnasium (Clara) nur noch 400 Schüler*innen. Es musste etwas geschehen, um die Existenz zu sichern. Die Schule schärfte ihr Profil, sie ging auf Entdeckungs- und Werbetour. Heute zählt das Gymnasium 900 Schüler*innen aus ganz Dülken und den benachbarten Stadtteilen.

Gemeinsam wachsen

„Wir haben uns in NRW intensiv umgesehen und uns in anderen Schulen informiert. Die Entwicklung hat die gesamte Schulgemeinde mitgetragen: Zusammen mit Eltern und Schüler*innen haben wir einen Bus gemietet und ein Gymnasium in Troisdorf besucht. Wir sind mit vielen Anregungen zurückgekehrt“, berichtet Schulleiter und Oberstudiendirektor Gunter Fischer. Bei der Namensgebung 2009 knüpfte das Gymnasium mit der Pianistin und Komponistin Clara Schumann an den lange bestehenden Schwerpunkt der musikalischen Bildung an. Mit der Virtuosin aus dem 19. Jahrhundert wurde eine Namenspatronin gewählt, die auch heute für wichtige Werte steht und Jugendlichen unserer Zeit ein Vorbild sein kann, heißt es im Schulprogramm. Auf 77 Seiten sind Konzepte beschrieben für die pädagogische Arbeit, für das Lernen fürs Leben und das aktive Schulleben. Das Clara betreibt eine intensive Berufsorientierung und baut auf Drogen- sowie Gewaltprävention mit dem Projekt „Rauchfreie Schule“ und Streitschlichter*innen. Das Förderkonzept beschränkt sich nicht auf die Beseitigung von Defiziten, sondern setzt bei der Förderung von Stärken an.

Unterricht ganz neu

Neben der Musik wird den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) am Clara besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Das Gymnasium ist außerdem Europaschule und bietet sechs Fremdsprachen an. Die systematische Weiterentwicklung des Unterrichts über alle Fächer hinweg ist das Fundament des Schulkonzepts. Gunter Fischer erinnert sich: „Vor 14 Jahren haben wir mit einem Fortbildungskonzept begonnen und uns mit dem Thema Schul- und Unterrichtsentwicklung beschäftigt. Der Schulentwicklungsforscher Prof. Wilfried Bos hat uns in seinen Seminaren davon überzeugt, dass Unterricht verändert werden muss und sich so auch die Schule verändert.“ Nicht nur das Kollegium hat dabei mitgezogen und die Anregungen aufgenommen, auch die Eltern haben die Aufforderung zur Unterrichtsentwicklung ins Schulprogramm geschrieben. Vor allem die Beispiele von Ludger Brüning und Tobias Saum haben schnell zur Veränderung des Unterrichts geführt: „Auch ältere Kolleg*innen haben ganz neue Freude am Unterricht bekommen und diese ins Kollegium getragen, das hat alle enorm motiviert.“

Kollegial und offen

Die besondere Bedeutung von Utensilien für das Kooperative Lernen erklärt Helga Smejkal. Die Lehrerin für Sport und Englisch betont, dass die Lehrmethode den Schüler*innen bekannt sein muss: „So beginnen wir meistens mit einer Agenda, die klar zeigt, worum es in dieser Stunde geht und welche Lernschritte bewältigt werden sollen.“ Bei der Gruppenbildung kommt das Zufallsprinzip zum Einsatz. Alle Schüler*innen bekommen bestimmte Aufgaben, keiner kann sich verstecken. Phasen der Gruppenarbeit werden mit den Ampelkarten strukturiert und eine kleine Klingel zeigt das Ende der lebhaften Arbeit an. „Neue Kolleg*innen werden in das Verfahren eingeführt und Referendar*innen, die hier das Kooperative Lernen praktiziert haben, schneiden in den Staatsexamen oft gut ab“, ergänzt Helga Smejkal. Richtig zufrieden mit der Betreuung ist auch Referendar Thomas Pott. Er unterrichtet Mathematik und Sozialwissenschaften. „Ich fühle mich hier sehr wohl, weil die Schule mich sehr gut aufnimmt und alles ermöglicht, was für meinen Unterricht notwendig ist. Das ganze Kollegium ist offen für Anregungen, die man einbringt. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, akzeptiert zu sein.“

Mehr Zeit für den Stoff

Der neu entwickelte Unterricht auf Basis des Kooperativen Lernens war der Motor für viele Veränderungen im Schulalltag: „Unser Musterbeispiel: Wir haben die Pausenregelung verändert und probeweise den Schulgong ausgestellt. Bald wünschte sich das Kollegium, die Regelung beizubehalten“, erzählt Gunter Fischer begeistert. Heute vermisst niemand mehr das Pausenzeichen. Später wurden auch die Unterrichtsstunden verlängert. Die Grundkurse finden in 135 Minuten in der Woche statt, geteilt durch zwei ergibt 67,5 Minuten für eine Unterrichtseinheit. So ist Zeit für die Entwicklung eines Themas und neuer Stoff kann intensiver geübt werden, ein einfaches und erfolgreiches Konzept. Derartige Veränderungen haben immer ein Konfliktpotenzial. Am Clara-Schumann-Gymnasium hat man von Beginn an gegengesteuert: Das kooperative Element wurde Grundlage für das gesamte Team. So werden zum Beispiel Stundenpläne erst herausgegeben, wenn der Lehrerrat zugestimmt hat. Erweiterte Schulleitungssitzung werden mit dem Vorsitzenden des Lehrerrats durchgeführt. Bis heute gibt es immer wieder neue Anregungen für die Weiterentwicklung von allen Beteiligten, berichtet Gunter Fischer. „Mir ist dabei ganz wichtig, Offenheit zu behalten. Ich empfinde Reaktionen wie ‚Das geht nicht aus organisatorischen Gründen’ oder ‚Ich gebe zu bedenken, dass …’ als sehr schädlich für eine konstruktive Atmosphäre. Jeder muss erst einmal denken dürfen.“ Die Offenheit des Schulleiters ist nicht beliebig, sie wird vom stellvertretenden Leiter Thomas Prell-Holthausen mitgetragen und wurde im Schulleitungskonzept verbindlich festgelegt.

Reizthemen begegnen

Am Clara-Schumann-Gymnasium spielen die bildungspolitischen Reizthemen von heute eher eine geringe Rolle: G8/G9? Das Clara hat schon vor etwa zehn Jahren eine G8-Gruppe eingeführt und musste jetzt nicht mit einem Mal alles umstellen. In der Oberstufe wird sich noch die Zeit genommen für ein zweites Praktikum. „Wir finden es sehr gut, dass Oberstufenschüler*innen Einblicke in Betriebe bekommen können, die ihnen als 14-Jährige gar nicht möglich sind“, so Gunter Fischer. Inklusion sieht die Schule zunächst gelassen, weil das Clara schon in der Vergangenheit mehrfach behinderte Kinder zum Abitur geführt hat. Gunter Fischer räumt aber ein: „Ich befürchte, dass Inklusion zum Sparmodell wird. Heute haben wir mehr inklusive Schüler*innen, aber weniger Stunden für Förderpädagog*innen zur Verfügung. Das ärgert mich auch als Gewerkschafter.“

Körper und Geist auf Trapp

Der Erfolg des Clara-Schumann-Gymnasiums zeigt sich auch bei der Anzahl der Schüler*innen, die von anderen Schulen dort in die Oberstufe wechseln. Auf diesen Ansturm hat sich das Gymnasium früh genug vorbereitet. „Unsere Schüler*innen freuen sich auf ‚die Neuen’. Dabei verhält sich die Schulgemeinde immer kooperativ. Dieses Verhalten begeistert mich“, sagt Gunter Fischer. Die positive Grundhaltung spiegelt sich im Lehrerzimmer wider: Es wird viel geredet und berichtet, überall liegt Material für den kooperativen Unterricht herum. Marc Isert nimmt einen Beutel Tennisbälle mit in den Deutschunterricht einer sechsten Klasse. Was das wohl wird? Die Klasse geht zu Beginn der Deutsch-stunde auf den Schulhof, teilt sich in kleine Gruppen und malt mit Kreide Kreuze auf den Asphalt. Jedes Kind bekommt einen Tennisball. „Die Schüler*innen bewegen sich springend und werfen gleichzeitig die Tennisbälle. Dabei sollen sie sich zu einem vorgegebenen Thema äußern. Sie sammeln Argumente – zum Beispiel für oder gegen den Verkauf von Süßigkeiten am Schulkiosk – und tauschen sie mit ihrem Gegenüber aus“, erklärt Marc Isert. So werden mehrere Hirnregionen in Gang gebracht und die Kinder werden wieder wach für den weiteren Unterricht. Die Aktion kommt Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung (ADHS) auch sehr entgegen.

An einem Strang

Munter geht es an die nächste Aufgabe: Die Kinder der Orientierungsstufe sollen in kleinen Gruppen ein Spiel entwickeln, das für die Pause geeignet ist. Dabei kommt es zu Diskussionen, die aber in einen Vorschlag münden müssen. Der wird später in der Klasse vorgetragen und bewertet. Später schreiben die Schüler*innen Artikel für die Schülerzeitung, in denen sie ihre Meinung und ihre Vorschläge zur aktiven Pause beschreiben. Niemand schaut erwartungsvoll auf die Uhr und sehnt den Pausengong herbei, denn den kennen die meisten Kinder gar nicht. Am Clara-Schumann-Gymnasium leben die Schüler*innen das Lernen und Eltern und Lehrer*innen ziehen an einem Strang. Passt denn das Kooperative Lernen überhaupt zum Gymnasium? „Ja, zwingend! Für die immer heterogeneren Lerngruppen ist das Verfahren optimal“, weiß Gunter Fischer.

Das Fortbildungskonzept

Mit einem ausführlichen Fortbildungskonzept setzt das Clara-Schumann-Gymnasium auf konsequente Weiterentwicklung in allen Bereichen. Sowohl die Qualität von Unterricht, Betreuung und Förderung für die Schüler*innen als auch gute Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte stehen dabei im Fokus. Schulinterne und -externe Fortbildungen werden je nach Bedarf dem gesamten Kollegium zugänglich gemacht. Viele Clara-Lehrkräfte veranstalten mittlerweile eigene Seminare und bilden Kolleg*innen aus. Neurobiologische Grundlagen des Lernens, PISA und die Folgen oder Lernumgebungen erfolgreich gestalten sind nur einige Themen, die das Dülkener Kollegium dabei angeht. Auch Lehrergesundheit und individuelle Förderungen stehen demnächst auf der Agenda. Über die Fortbildungen im Kollegium hinaus holt sich Schulleiter Gunter Fischer Anregungen bei seiner Bildungsgewerkschaft: „Für mich ist der Austausch in den GEW-Arbeitskreisen der Schulleitungen auf Landesebene besonders wichtig.“

Die Unterrichtsentwicklung

Normen und Kathleen Green, Dr. Diethelm Wahl und Dr. Roland Hepting sind keine unbekannten Namen an der Dülkener Schule: Ihr Konzept des Kooperativen Lernens ist Grundlage für die Unterrichtsentwicklung und die Bücher von Ludger Brüning und Tobias Saum Pflichtlektüre für alle Clara-Lehrkräfte. Im Unterricht wird durch kooperative Lernformen das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Die Schüler*innen lernen eigenverantwortlich und selbstorganisiert mit dem Ziel der Nachhaltigkeit. Fachgruppen tauschen hierzu regelmäßig differenzierende Materialien sowie ihre Erfahrungen über Methoden aus.

Lisa Kurapkat (17), Vorstandsmitglied der Landesschüler*innenvertretung NRW: "Das Gymnasium wird in Zukunft nicht mehr nur Lernraum, sondern auch Lebensraum für Schüler*innen bieten. Abwechslungsreiche Arbeitsgemeinschaften sollen den Schulalltag bereichern. Das Lernen soll so gestaltet werden, dass aktuelle Geschehnisse in den Unterricht einbezogen werden und man durch praxisorientiertes Lernen den Nutzen der Lerninhalte erkennt. Ich wünsche mir, dass man in Zukunft drei Praktika bis zum Abitur absolviert, um Einblicke in verschiedene Berufsfelder zu bekommen. Außerdem müssen Lernzeiten eingeführt werden, die fest in den Stundenplan integriert sind."

 

Prof. Isabell van Ackeren (39), Bildungswissenschaftlerin Universität Duisburg-Essen: "Das Gymnasium der Zukunft ist Bestandteil eines übersichtlich strukturierten Bildungssystems, das den Wechsel zwischen verschiedenen Bildungswegen dauerhaft und in alle Richtungen ermöglicht. Der demografische Druck hat es flexibler gemacht in der Öffnung für neue Schüler*innen sowie für individualisierte Lehr- und Lernformen. Talente werden unabhängig von ihrer Herkunft entfaltet. Auch die Lehrerausbildung sowie die Schul- und Unterrichtsforschung tragen praxisnah dazu bei, dass sich Gymnasien den Herausforderungen wissenschaftlich fundiert stellen können."

 

Violetta Kubat (61), Gymnasiallehrerin: "Wäre es nicht wunderbar, wenn das Gymnasium gar keine Zukunft mehr hätte? Wir müssten die Kinder nicht nach vier Jahren Grundschule sortieren und deshalb schon in der Kita damit beginnen, sie fit zu machen für den Wettbewerb. Wer kein engagiert förderndes Elternhaus oder sonst ein Handicap hat, sieht schlecht aus in diesem Rennen. Die Beibehaltung des Gymnasiums ist ein Garant für Selektion und Wettbewerb als Grundprinzip für die Verteilung von Bildung und Sozialchancen. Wie absurd ist da der Gedanke an Inklusion? In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie sieht eine Schule in dieser Gesellschaft aus? Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Zukunft des Gymnasiums vielleicht etwas grundsätzlicher. Könnte all die engagierte Arbeit vieler Lehrer*innen an Gymnasien nicht lohnender in eine Schule für alle Kinder investiert werden?"

 

Die Europaschule

Seit Januar 2013 darf sich das Clara-Schumann-Gymnasium Europaschule nennen
und ist somit eines der wenigen Gymnasien in NRW mit diesem Titel. Neben zahlreichen Projekten mit Europabezug hat die Schule ein breites Fremdsprachenangebot: Englisch ab Klasse 5, Französisch oder Latein als zweite Fremdsprache in Klasse 6 und dazu als Wahlfach Italienisch, Spanisch und Niederländisch. Ukrainisch steht zwar noch nicht im Schulprogramm, trotzdem gibt es dorthin eine Verbindung: 15 Schüler*innen aus Viersens Partnerstadt Kaniw besuchten das Clara vom 28. August bis 8. September 2014 (Bild links). Die 15- bis 16-Jährigen lernen bereits seit drei Jahren Deutsch. Für viele war es die erste Reise ins Ausland und eine Abwechslung zu ihrer derzeit schwierigen Lebenssituation im eigenen Land. Die Schüler*innen lernen durch den Besuch in Deutschland das demokratische Europa kennen.

Bert Butzke // In: nds-9-2014

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