Für eine Kultur des Behaltens an Gymnasien

Rahmenbedingungen neu regeln

Den Gymnasien in Nordrhein-Westfalen stellt sich in den kommenden Jahren verstärkt die Aufgabe, eine Kultur des Behaltens zu entwickeln. In einer Empfehlung der Bildungskonferenz heißt es, dass jede Schule die Verantwortung für den Bildungsweg der ihr anvertrauten Kinder und Jugendlichen übernehmen muss.
Für eine Kultur des Behaltens an Gymnasien

Foto:Suze/photocase.de

„Es ist Aufgabe und Zielsetzung der Schule, gemeinsam mit den Eltern, die von ihr aufgenommenen Kinder und Jugendlichen unter Wahrung der Bildungsstandards zumindest zum ersten von ihr angebotenen Abschluss (Sekundarstufe I) zu führen.“ So lauten die Empfehlungen der Bildungskonferenz „Zusammen Schule machen für Nordrhein-Westfalen“ zum Thema Schulstruktur in Zeiten des demografischen Wandels aus 2011. Das ist bildungspolitisch richtig und angesichts der aktuellen Schulentwicklung unumgänglich.

Zwei Jahre Schulkonsens

Nach zwei Jahren Schulkonsens folgte im Sommer 2013 ein erster Bericht an den Landtag, der unter anderem aufzeigte, dass der Wegfall der Hauptschul- und Realschulangebote dann zu Schwierigkeiten führen kann, wenn Schüler*innen – insbesondere am Ende der Erprobungsstufe – das Gymnasium verlassen müssen. Gesamtschulen und Sekundarschulen müssen Schüler*innen beim Wechsel von der Grundschule häufig wegen der hohen Nachfrage der Eltern abweisen. Die Aufnahmekapazität ist folglich auch in den weiteren Schuljahren erschöpft. Es ist den Schulen des längeren gemeinsamen Lernens nicht zuzumuten, Auffangklassen zu bilden oder über den ganzen Jahrgang Klassen neu zusammen zu setzen, um Schüler*innen aus den abgebenden Schulformen des gegliederten Systems aufzunehmen. Das widerspricht dem pädagogischen Konzept der Schulen des längeren gemeinsamen Lernens, während der ganzen Schullaufbahn heterogene und stabile Lerngruppen zu führen. Die Landesregierung muss die gesamte Schulstruktur weiter optimieren: Damit jede Schule die von ihr aufgenommenen Schüler*innen in der Sekundarstufe I (Sek I) zu einem von ihr angebotenen Schulabschluss führen kann, müssen vor allem das Gymnasium und die Realschule in die Lage versetzt werden, alle Schulabschlüsse bis zum mittleren Schulabschluss vergeben zu können.

Längeres gemeinsames Lernen

Der erzwungene Wechsel zu anderen Schulformen am Ende der Erprobungsstufe muss weiter reduziert werden. Eine aussagekräftige Dokumentation der Maßnahmen individueller Förderung im jeweiligen Einzelfall muss Pflicht der abgebenden Schule sein. Vordringlich muss die zuletzt erfolgte Neufassung der Verwaltungsvorschriften zur Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Sek I (VV zu § 12 APO SI) aufgehoben werden. Diese VV führt zu einer Belastung der Schulen des längeren gemeinsamen Lernens: Durch die dort vorgeschriebene Verpflichtung zur Aufnahme der nicht versetzten Schüler*innen aus Gymnasien und Realschulen entsteht eine Situation, die zum einen zu einer Unterordnung der Schulen des längeren gemeinsamen Lernens führt und zum anderen der angestrebten Kultur des Behaltens jeder Schule entgegensteht. Mittelfristig muss die Sek I am Gymnasium wieder sechs Jahre umfassen. Nur so lassen sich die derzeitigen Probleme der Vergabe unterschiedlicher Schulabschlüsse im letzten Jahr der Sek I oder in der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe lösen. Generell müssen die Rahmenbedingungen für die individuelle Förderung an den Gymnasien weiter verbessert werden. Dazu gehören zu allererst kleinere Lerngruppen, bessere systemische Unterstützung der Schul- und Unterrichtsentwicklung und eine Senkung der Arbeitsbelastung der Lehrer*innen.

Dorothea Schäfer

Gymnasium der Zukunft: Prozess mitgestalten!

G8 in NRW mit der fünfjährigen Sek I schottet das Gymnasium von den anderen Schulen der Sek I ab. Wir stehen für einen Lernprozess, der den Schüler*innen Zeit lässt und es ihnen ermöglicht, im Unterricht auch komplexe Problemstellungen zu bearbeiten und zu lösen. Eine sechsjährige Sek I wäre dafür eine unbedingte Voraussetzung. Individuelle Förderung und Konzepte des Kooperativen Lernens sollen an den Gymnasien Standard sein. Wir setzen uns dafür ein, dass den Schulen für deren Weiterentwicklung die Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Der gebundene Ganztag ermöglicht es den Gymnasien, moderne pädagogische Konzepte, individuelle Förderung und die Integration von Kindern mit bildungsfernem Hintergrund besser mit dem wissenschaftspropädeutischen Unterricht zu verbinden und möglichst viele Schüler*innen gut auf ein Studium vorzubereiten. Viele Gymnasien haben sich auf den Weg zur schulischen Inklusion gemacht Tendenz steigend. Doch Inklusion und die fünfjährige Sek I schließen sich aus: Denn wo sollen Schüler*innen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf, die ein Gymnasium besuchen, nach Klasse 9 hin? Darauf gibt es noch keine befriedigende Antwort. Die Lernprozesse am Gymnasium setzen ein hohes Maß an eigenem Schülerengagement voraus. Mit zunehmendem Alter müssen die Schüler*innen in die Lage versetzt werden, freier darüber zu entscheiden, wie und was sie lernen wollen. Wir treten deshalb für eine gymnasiale Oberstufe ein, die diese Freiheit stärkt und Wahlmöglichkeiten eröffnet statt sie zu reglementieren. In den letzten Jahren ist die Quote der Sitzenbleiber am Gymnasium in NRW auf 1,4 Prozent gesunken: Das ist die zweitniedrigste Quote aller Schulformen und ein Zeichen für die überaus engagierte Arbeit der Kolleg*innen an den Gymnasien.


Fachgruppenausschuss Gymnasium der GEW NRW // In: nds 9-2014