Ein sozialgeografischer Blick auf Bildungsungleichheiten

Gespaltene Stadtgesellschaft

Gute Bildung gilt als Schlüssel für eine angemessene Teilhabe an der Gesellschaft und ist Voraussetzung, um soziale Ungleichheiten zu reduzieren. Der Anspruch unserer Gesellschaft ist es, allen Menschen gleiche Chancen für den Erwerb von Bildungsschlüsseln zu ermöglichen unabhängig von der sozialen Herkunft. Die PISA-Ergebnisse erinnern uns jedoch regelmäßig daran, dass dies bisher in Deutschland nicht gelungen ist.
Ein sozialgeografischer Blick auf Bildungsungleichheiten

Foto: Andreyfo/photocase.de

Mit jedem neuen PISA-Bericht wird mit Nachdruck bestätigt: Menschen mit einem „Universalschlüssel“ finden sich vor allem in den Bevölkerungsschichten, in denen gute soziale und finanzielle Rahmenbedingungen vorliegen. Diese Bildungsungleichheiten schlagen sich auch räumlich-geografisch nieder sowohl zwischen Kommunen als auch innerhalb von Kommunen und tragen zur (weiteren) Polarisierung der Sozialstruktur unserer (Stadt-)Gesellschaft bei.

 Bildungsungleichheiten zwischen KommunenDeutlich werden Bildungsungleichheiten zwischen Kommunen durch einen regionalen Vergleich von Sozial- und Bildungsstatistiken (siehe Abbildung 1). Ausgewählt dazu wurden Städte, die aufgrund ihrer Sozialstruktur der Bevölkerung oftmals als Beamtenstädte wie Münster und Bonn oder Arbeiterstädte wie Gelsenkirchen und Duisburg benannt werden. Die Arbeitslosenquote, die hier benachteiligte Strukturen indizieren soll, ist in Münster und Bonn nur etwa halb so hoch wie in Gelsenkirchen und Duisburg. Die Strukturunterschiede schlagen auf die Bildungsbeteiligung durch: Mehr als jedes zweite Grundschulkind der Beamtenstädte wechselt zum Gymnasium. In den Arbeiterstädten ist es nur etwa jedes dritte. Und auch wenn in Gelsenkirchen und Duisburg die Gesamtschule beim Übergang eine größere Rolle spielt, setzen sich die Bildungsdifferenzen zwischen den Kommunen bis zum Abitur fort. In den Beamtenstädten beendet jede/r zweite Schüler*in ihre beziehungsweise seine Schullaufbahn mit der allgemeinen Hochschulreife, in Gelsenkirchen und Duisburg ist es wiederum nur jede/r dritte. Bildungschancen und Bildungserfolge variieren demnach hochgradig zwischen den Kommunen. Problematisch daran ist, dass in den Städten mit einem höheren Anteil benachteiligter Bevölkerung sich diese Benachteiligung in Form von Bildungsbenachteiligung fortsetzt. Somit verstetigen wenn nicht gar verstärken sich die Strukturen. Der seit 2006 angewandte Sozialindex des Landes Nordrhein-Westfalen greift genau diese sozialstrukturellen Unterschiede zwischen den Kommunen auf und versucht, zumindest einen kleinen Teil der Strukturunterschiede durch eine zusätzliche Lehrerstellenzuweisung an jene Kommunen mit einem erhöhten Sozialindex zu kompensieren.

Bildungsungleichheiten innerhalb von KommunenBetrachtet man das Innenleben der Städte auf der Ebene von Stadtteilen, zeigen sich auch innerhalb von Kommunen erhebliche räumliche Unterschiede in Bezug auf Bildungsbeteiligung und Bildungschancen. In Abbildung 2 wurden am Beispiel von Kommunen des zentralen Ruhrgebiets benachteiligte und nicht benachteiligte Stadtteile mittels Sozial-indikatoren bestimmt und zu Sozialraumtypen zusammengefasst. Stadtteile, die beispielsweise einen hohen Anteil an Kindern ausweisen, die Sozialgeld beziehen, sind rötlich eingefärbt, in den grünlich eingefärbten Stadtteilen ist der Wert entsprechend niedriger. Wird diese „soziale Landkarte“ der Region mit kleinräumigen Übergangsquoten überlagert, zeigen sich deutliche sozialräumliche Disparitäten. Es gilt: Je stärker ein Stadtteil von nicht benachteiligter Bevölkerung geprägt ist, desto höher sind die Übergangsquoten zum Gymnasium. So wechselten in den sechs Schuljahren von 2003/2004 bis 2008/2009 in den Stadtteilen mit der geringsten Benachteiligung im Schnitt knapp 60 Prozent der Kinder zum Gymnasium. Demgegenüber wechselten in den am stärksten benachteiligten Quartieren zumeist deutlich unter 20 Prozent auf ein Gymnasium. Eine Auswertung der Übergangsquoten im Zeitverlauf zeigt zudem, dass sich diese Bildungsdistanzen nicht reduziert haben. Das Gegenteil ist der Fall: In den Stadtgebieten mit geringster sozialer Benachteiligung stieg in den sechs Schuljahren die Quote um 1,2 Prozentpunkte pro Jahr – in den am stärksten benachteiligten Gebieten nur um 0,2 Prozentpunkte. Und auch wenn zu beobachten war, dass dort die Gesamtschule stets stärker nachgefragt wurde, hat sich gezeigt, dass an Gesamtschulen anders als am Gymnasium das Abitur nicht der Regelabschluss ist und insbesondere an Gesamtschulen mit einem sozial schwierigen Einzugsgebiet die Abiturquote eher niedrig ist. Die sozialräumlichen Bildungsdistanzen nahmen innerhalb der Städte stetig zu.

Über den Sozialindex hinausDie Zunahme der Bildungsdistanzen birgt dabei das Risiko, dass sich die Strukturen der wohn-örtlichen Segregation innerhalb der Städte verfestigen und verstärken. Bereits benachteiligte Stadtquartiere reproduzieren benachteiligte Bevölkerung und zementieren so ihren Status innerhalb des Stadtgefüges. Ebenso „vererbt“ die Bevölkerung in den privilegierten Stadtteilen ihre Bildungsschlüssel. Die soziale Spaltung der Stadtgesellschaft schreitet voran. Um diesen Prozess anzuhalten und umzukehren, gehören so wie es die Autoren um Jörg Bogumil in „Viel erreicht wenig gewonnen: Ein realistischer Blick auf das Ruhrgebiet“ fordern die besten Schulen und die motiviertesten Lehrkräfte in die benachteiligten Quartiere der Städte. Die Identifikation von benachteiligten Quartieren und Schulen, die zu den besten Schulen umgewandelt werden müssen und die mit den motiviertesten Lehrern auszustatten sind, ist ohne Weiteres möglich. Die Kommunen sollten dazu Sozialindizes etablieren und Ressourcen entsprechend umverteilen. In finanzschwachen Kommunen mit sozialstrukturell schwierigen Rahmenbedingungen wird das alleinige Umverteilen jedoch nicht reichen. Hier sollten von Landesseite zusätzliche Ressourcen bereitgestellt werden, die über die bisherigen Leistungen des landesweiten Sozialindex hinausgehen.

Tobias Terpoorten // In: nds 10.2014