Was gibt die Kita den Kindern fürs erste Schuljahr mit?

Individuelle Interessen fördern und wichtige Kompetenzen vermitteln

Das Ende ihrer Zeit in der Kita ist für Kinder eine ganz bedeutende: Bald gehen sie zur Schule, gehören dann zu den Großen. Wie der Übergang gestaltet werden kann, erzählt Kindheitspädagogin Friederike Stahl-Kolb im Interview.
Was gibt die Kita den Kindern fürs erste Schuljahr mit?

Foto: Dominik Buschardt

Friederike Stahl-Kolb ist Kindheitspädagogin arbeitet in der Evangelischen Kindertageseinrichtung Thomaszentrum in Bochum. Sie hat schon jede Menge Kitakinder in den letzten Tagen vor ihrem ersten Schuljahr begleitet. Wann die Vorbereitung auf die Grundschule für die Kleinen anfängt und mit welchem Konzept die Kita individuelle Interessen der Kinder fördert, aber auch Kompetenzen vermittelt, die die Kinder in jedem Fall brauchen, hat sie uns im ersten Teil des Interviews berichtet. Im zweiten Teil erzählt sie dann von verschiedenen Ritualen, die den Kitakindern den Abschied leichter machen und die Vorfreude auf die Schule umso größer.

Mit dem Abschied aus dem Kindergarten und dem Übergang in die Grundschule bricht für die meist Sechsjährigen eine spannende Zeit an. Wie erlebst du die Kinder in dieser Zeit? Sind sie voller Vorfreude und wissbegierig oder auch mal traurig und ängstlich?

Friederike Stahl-Kolb: Die letzten Monate vor der Grundschule ist für die meisten Kinder geprägt von Vorfreude und Aufregung. Ich glaube, dass viele das Gefühl haben, die Welt erobern zu können. Voller Stolz wird der neue Tornister vor allen anderen Kindern präsentiert. Es wird intensiv über die neuen Klassenkamerad*innen, Lehrer*innen, Hausaufgaben und über die Erfahrung ehemaliger Kita-Kinder – vor allem der Geschwister – gesprochen und diskutiert. In den meisten Fällen sehr positiv. Hin und wieder gibt es natürlich auch Kinder, die dem Wechsel in die Grundschule etwas ängstlicher gegenüberstehen und sich viele Gedanken machen. Nichts destotrotz ist der Übergang für jedes Kind eine Herausforderung, die mit vielen Emotionen und Fragen einhergeht. Das müssen wir natürlich immer berücksichtigen.

Oft wird dieses Wechselbad der Gefühle durch diverse Rollenspiele und Gespräche verarbeitet. Zusätzlich versuchen wir durch verschiedene Abschiedsrituale und einer positiven Haltung den Kindern gegenüber, den Abschied so schön und leicht wie möglich zu gestalten.

Dennoch sind gerade die letzten Tage und ganz besonders der allerletzte Tag für alle traurig. Oft suchen dann ganz besonders die Schulanfänger*innen vermehrt die Nähe zu uns. Wir nehmen deutlich wahr wie sehr sie Gespräche und Kuscheln genießen. Wir ehrlicherweise genauso, schließlich begleiten und sehen wir die Kinder und ihre Familien teilweise fünf bis sechs Jahre täglich. Mit Geschwisterkindern sogar manchmal mehr. Trotzdem freuen wir uns mit jedem Kind und fiebern mit ihnen der Schule entgegen.

Wann beginnt der Übergang für die Kinder? Ab wann und wie bereitet ihr sie auf die Grundschule vor?

Wir sind darauf bedacht, Übergänge für die Kinder so einfach wie möglich zu machen. Der Übergang Kita zu Grundschule beginnt etwa ein Jahr vor der Schule. Allerdings ist der Zeitpunkt, wann ein Kind sich mit dem Übergang beschäftigt, sehr individuell. Die Kinder dürfen diesen Zeitpunkt selbst bestimmen, auch wenn er zwei Jahre oder auch erst sechs Monate vor Einschulung eintritt.

Schon vor den Sommerferien wissen die meisten genau „Ich bin bald ein*e Schulanfänger*in!“ und kennen ihre Rechte, aber auch ihre Pflichten. Zum Beispiel dürfen sie sich in einem Bildungsbereich alleine zurückziehen, werden aber auch vermehrt in hauswirtschaftliche Tätigkeiten eingebunden und so weiter.

Das Konzept der klassischen Vorschule gibt es bei uns nicht. Alle unsere Kinder sind Vorschulkinder – nicht nur im letzten Jahr vor der Schule. Denn alle Lernprozesse, die ein Kind durchläuft, sind für die Schule relevant.

Und welches Konzept hat sich stattdessen bei euch bewährt?

Wir legen unserer Bildungsarbeit die Grundsätze zur Bildungsförderung für Kitas des Landes Nordrhein-Westfalens, die im Kinderbildungsgesetz (KiBiz) verankert sind, zugrunde, folglich steht für uns die Vermittlung der „Freude am Lernen“ im Vordergrund. Die Lernprozesse finden individuell statt und entsprechen den Bedürfnissen und Interessen der Kinder. Effektives und nachhaltiges Lernen kann nur durch intrinsische Motivation, eine vorbereitete, anregende Umgebung und Beziehung zu Peers, Familie und uns Fachkräfte passieren. Vor allem aber auch durch Zeit für freies Spielen, um dort zu explorieren, auszuprobieren, zu wiederholen und Fehler zu machen. Deshalb würde ein regelmäßiges Vorschultreffen mit von uns vorgefertigten Themen nur einen sehr geringen Wert haben.

Wir als Bildungsbegleiter*innen greifen Themen und Interessen der Kinder auf, die aus ihnen selbst herauskommen und geben ihnen die Möglichkeiten zum weiteren (Nach-)Denken und das Interesse auf verschiedene Weisen zu intensivieren. Auf diese Weise entstehen Lern- und Bildungsprozesse, die auch wirklich internalisiert werden können.

Gibt es denn Kompetenzen, die ihr allen Kindern bis zum ersten Schultag auf jeden Fall vermittelt haben müsst?

Ja klar, die gibt es. Und sie sind für den Schuleintritt relevant. Ganz klassisch können das zum Beispiel Malen, Schneiden und auch Kenntnisse über Buchstaben und Zahlen sein. Das sind häufig Dinge, die auch bei der schulärztlichen Untersuchung oder bei Schulspielen abgefragt werden. Bei uns bekommen die Kinder immer wieder die Anregung, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen und zu beschäftigen, aber dann, wenn es das Thema und Interesse des Kindes ist und nicht in einer gezwungenen Vorschulsituation.

In unserem Literacy-Center, unserem Kinderbüro, bieten wir den Kindern die Möglichkeit und schaffen Anlässe, Büro- und andere Materialien kennenzulernen. So können sie den Umgang mit den verschiedenen Dingen erforschen – zum Beispiel Tackern, Lochen, Kleben. Sie lernen sich einen Plan zu machen, Teile zu beschaffen und zu organisieren und Verantwortung für die eigenen Sachen zu übernehmen.

Kompetenzen, die auch wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger sind, sind die Selbst- und Sozialkompetenzen. Das heißt, sich von Eltern trennen können, den Umgang mit Konflikten und allen Mitmenschen lernen, Zivilcourage und Toleranz zeigen oder auch selbstbewusst die eigene Meinung vertreten. Alles in allem Kompetenzen, die Kinder am besten im freien Spiel erproben, erlernen und festigen können – diese Möglichkeit bekommen sie bei uns.

Die Fragen stellte Sherin Krüger, Redakteurin im NDS Verlag.