Unterstützung durch Schulpsychologie

Geflüchtete und Pädagog*innen brauchen professionelle Begleitung

Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen vergrößern die Vielfalt an den Schulen in den Aufnahmeländern und damit auch die Anforderungen an die Lehrkräfte. Sie haben spezielle Bedürfnisse, auf die Lehrkräfte im Schulalltag Rücksicht nehmen und die sie integrieren müssen. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, sind schulpsychologische Unterstützungsangebote für Lehrkräfte und Schulleitungen wichtig.
Unterstützung durch Schulpsychologie

Fotos: suze/ photocase.de

Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen haben sowohl in ihrem Heimatland als auch auf dem Fluchtweg existenziell bedrohliche Erfahrungen gemacht. Im Aufnahmeland angekommen stehen sie vor der Aufgabe, sich in einer fremden Kultur einzuleben, während ihre Zukunftsperspektive häufig über längere Zeit ungewiss bleibt. Sie bringen ihre individuelle Lebensgeschichte mit, die von enger familiärer Bindung im Heimat- und Aufnahmeland oder einem weniger geborgenen Aufwachsen, familiärer Entwurzelung und sozialer Isolation geprägt sein kann. Auch die Schulerfahrungen der Kinder und Jugendlichen sind sehr heterogen. Manche von ihnen konnten bisher kaum Schulbildung genießen, während andere eine gute schulische Vorbildung oder Begabung besitzen.

Schulische Willkommenskultur
Diese vielfältigen Ausgangssituationen erfordern stabile Lebensbedingungen, belastbare Beziehungsangebote innerhalb und außerhalb der Schule, einen auf die Stärken der Kinder und Jugendlichen gerichteten Blick und ein breites gesellschaftliches Engagement, das sowohl medizinische als auch psychologische und soziale Betreuung umfasst. Unter der Voraussetzung des gesellschaftlichen (schulischen) und politischen Engagements, welches neben einer Willkommenskultur auch die Bereitstellung personeller und materieller Ressourcen umfasst, können sich positive Entwicklungsperspektiven für die Geflüchteten ergeben. Andernfalls drohen Risiken auf beiden Seiten: Retraumatisierungen und soziales Abseits bei den Flüchtlingen, psychosomatische Erschöpfungszustände bis hin zum Burnout oder zu innerer Emigration bei den Helfer*innen und Lehrpersonen. Damit Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen sich in den Aufnahmeländern positiv entwickeln können, sind neben der Sprach-förderung und der Gewährleistung möglichst stabiler Wohn- und Lebensverhältnisse auch noch andere Dinge wichtig. Besonders Erfahrungen des Erwünscht- und Willkommenseins sowie eine positive Wertschätzung und eine Ressourcen- statt Defizitorientierung sind notwendig. Für die Schulen bedeutet dies insbesondere

  • die Schaffung eines Zugehörigkeitsgefühls zur Klassen- und Schulgemeinschaft durch Teilnahme an gemeinsamen Aktivitäten.
  • das Anbieten fester Bezugspersonen durch möglichst konstante Lehrkräfte aber auch andere Schüler*innen (zum Beispiel durch Patenmodelle).
  • das Einführen von festen Ritualen und stark strukturierenden Elementen im Tagesablauf in bedarfsgerechten, bindungsintensiven Lerngruppen.
  • die Stärkung der Kinder und Jugendlichen durch Aktivierung und Wahrnehmung der Ressourcen.
  • die Sensibilität und Wachsamkeit für Hilfebedarfe im Bereich der medizinischen, psychologischen und materiellen Versorgung
  • die systematische und professionell begleitete Inklusion in Regelklassen bei gleichzeitiger psychischer Stabilisierung.

Große Verantwortung für Lehrer*innen
Aus der Sozialpsychologie ist hinlänglich bekannt: Nur durch konkrete, positive Erfahrungen miteinander lassen sich Vorurteile und Barrieren des gegenseitigen Verstehens abbauen. Die besondere Rolle der Lehrkraft in dieser Situation ist mit hoher Verantwortung verbunden. Sie muss, unter Berücksichtigung der gegebenen Rahmenbedingungen, vor Ort die Situation gestalten, um eine positive Fremd- und Selbstwahrnehmung sowie erfreuliche Erfahrungen miteinander zu ermöglichen. Wer diese Verantwortung trägt, benötigt ein breites Fundament, dem die folgenden Fähigkeiten und Ressourcen zugrunde liegen:

  • interkulturelle Kompetenzen
  • Sensibilität für die sozial-emotionale Situation von Flüchtlingen
  • Kompetenzen im Classroom-Management
  • Fähigkeit zu einem wertschätzenden, Halt gebenden Beziehungsangebot
  • Selbstreflexion über eigene Vorurteile und Reaktionsweisen in Grenzsituationen
  • Fähigkeit zur gelingenden innerschulischen wie auch außerschulischen Kooperation
  • Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung
  • Möglichkeiten zum kollegialen Austausch, zu Beratung und Supervision
  • Abgrenzungsfähigkeit zum Schutz vor Selbstüberforderung

Bezüglich der wachsenden gesellschaftlichen und politischen Anforderungen, welche die Umsetzung der Inklusion von Schüler*innen mit besonderem Förderbedarf, die Aufgabenwahrnehmung in Sachen Kindeswohlgefährdung sowie die Krisenprävention und -intervention mit sich bringen, stellt sich die stetige Weiterentwicklung und Anwendung der genannten Bereiche für Lehrkräfte in der heutigen Schulsituation als elementar wichtig dar. Im schulischen Alltag fehlen hierfür jedoch häufig die Zeitressourcen und verbindliche Strukturen für eine solche Professionalisierung.

Unterstützungsangebote für Pädagog*innen
Die Schulpsychologischen Beratungsstellen unterstützen die in Schulen tätigen Personen bei der Bewältigung ihrer vielfältigen Aufgaben. Dazu zählen Angebote wie Beratung, Fort- und Weiterbildung, Supervision, Coaching und Qualifizierungsmaßnahmen im Bereich der psycho-sozialen Beratung, beispielsweise im Rahmen von Zertifizierungskursen zur Beratungstätigkeit. Der hohe Bedarf an diesen Unterstützungsangeboten wird nicht zuletzt durch die stetig steigenden Anfragen von Lehrkräften und Schulleitungen in den Schulpsychologischen Beratungsstellen deutlich. Speziell zum Thema geflüchtete Kinder und Jugendliche haben Schulpsycholog*innen in vielen Regionen Formate zur Psychoedukation für Schulleitungen und Lehrkräfte entwickelt, die auf Traumafolgen und einen professionellen pädagogischen Umgang damit vorbereiten. Dazu gehören schriftliche Materialien, Beiträge im Rahmen pädagogischer Konferenzen, Vorträge bei Fachtagungen und schulübergreifende Fortbildungsangebote. Schulleitungen und Lehrkräfte, die mit der Konzeptentwicklung zur Förderung und Integration dieser Schüler*innen beauftragt sind, erhalten durch Schulpsycholog*innen fach- und feldkundige Beratung bei der Entwicklung und Umsetzung der Konzepte. Vermehrt werden auch spezielle Einzel- und Gruppensupervision für Lehrkräfte angeboten, die mit der Förderung geflüchteter Kinder und Jugendlicher betraut sind. Zudem steigt die Anzahl der Angebote zur schulinternen Teamsupervision, in denen die Förderung der Kommunikation und Kooperation der verschiedenen Professionen – Regelschullehrkräfte, Sonderpädagog*innen, Sozialpädagog*innen – in belastenden Arbeitsfeldern im Fokus stehen. In der Beratung von Lehrkräften können im Hinblick auf einzelne Situationen möglichst passgenaue Hilfen entwickelt werden, um so einen Beitrag zur emotionalen Stabilisierung der Schüler*innen mit Fluchterfahrungen zu leisten.

Ungleiche Verteilung der Unterstützung
Bei einer durchschnittlichen Schulpsycholog*innen-Lehrer*innen-Relation von 1:600 und einer Schulpsycholog*innen-Schüler*innen-Relation von 1:9.000 in NRW lassen sich jedoch schon jetzt die Anfragen kaum bewältigen. Insbesondere in den Kreisen und Kommunen, die über eine deutlich schlechtere Versorgung mit Schulpsycholog*innen verfügen, ist die Situation schwierig. Immer noch gibt es erhebliche Unterschiede in der Versorgung der Bundesländer und darüber hinaus. Um eine flächendeckende, gerechte und systematische Versorgung mit psychosozialen Beratungsleistungen der Schulpsychologie zu gewährleisten, müssten die entsprechenden Ressourcen deutlich verbessert werden. Allzu oft hängt es derzeit noch vom Zufall, regional deutlich unterschiedlichen Ressourcen in der Schulpsychologie, ortsbezogenen Fortbildungs- und Unterstützungsangeboten oder auch schlicht vom zusätzlichen, individuellen Engagement der Lehrkräfte ab, ob sie ihre Beziehungs-, Erziehungs- und Beratungskompetenzen weiterentwickeln und trotz neuer Anforderungen gesund bleiben können. Im Bereich der kontinuierlichen Selbstreflexion, der Erweiterung von Lösungs- und Bewältigungskompetenzen und der persönlichen Weiterentwicklung von Lehrkräften könnten die Bedarfe durch einen weiteren Ausbau der Schulpsychologie noch deutlich besser abgedeckt werden. Damit wären wichtige Beiträge zum Erhalt der Psychohygiene der Lehrkräfte, der Förderung der psychischen Gesundheit von Schüler*innen und der Qualitätsentwicklung in Schule geleistet.

Annette Greiner // In: nds 9-2015