GEW NRW - Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
DIE GEW NRW.
BILDUNG UND POLITIK
ARBEIT UND RECHT

www.inklusion.gew-nrw.de


Ergebnisse der GEW-Schulbefragung

Schulen sagen, was Schulen brauchen!

Seit dem Schuljahr 2014/2015 setzen engagierte Kolleginnen und Kollegen an den Schulen in NRW das 9. Schulrechtsänderungsgesetz um und haben damit begonnen, Schüler*innen mit und ohne Behinderungen gemeinsam zu unterrichten. Andere hatten bereits zum Teil langjährige Erfahrungen mit Gemeinsamem Lernen und setzen dies nun unter den neuen gesetzlichen Vorgaben fort.

Die GEW NRW fordert bereits seit Jahren eine Schule für alle Kinder und hat das Gesetz zur Umsetzung der Inklusion an Schulen begrüßt. Nach einem Jahr Erfahrung mit dem 9. SchRÄG ist es nun Zeit für ein erstes Fazit. Wie sieht es aus mit der schulischen Inklusion in NRW? Was läuft gut, wo muss nachgesteuert werden? Dabei sind die Erfahrungen der Expert*innen vor Ort von besonderem Interesse.

Die GEW NRW hat eine Onlineumfrage zur systematischen Bestandsaufnahme durchgeführt und den Kolleg*innen aus der Praxis die Möglichkeit gegeben, sich zu äußern. Mit den Ergebnissen können wir nun unsere Forderungen nach mehr Ressourcen und Unterstützung gegenüber dem Schulministerium bekräftigen.


Die zehn wichtigsten Ergebnisse

  1. Mehr Lehrkräfte für sonderpädagogische Förderung [mehr]
  2. Abordnungen und Versetzungen [mehr]
  3. Kleinere Klassen, gerade im Gemeinsamen Lernen [mehr]
  4. Vermuteter Bedarf grösser als festgestellter Förderbedarf [mehr]
  5. Es gibt Exklusion aus dem gemeinsamen Lernen [mehr]
  6. Mehr Fortbildung erforderlich [mehr]
  7. Eine zentrale Anlaufstelle vor Ort gewünscht [mehr]
  8. Inklusive Schulentwicklungspläne fehlen [mehr]
  9. Barrierefreiheit und Räume für differenziertes Arbeiten fehlen häufig [mehr]
  10. Die drei vordringlichsten Bedarfe [mehr]

Erstes Ergebnis

Mehr Lehrkräfte für Sonderpädagogik erforderlich

Allgemeine Schulen brauchen mehr Lehrkräfte für sonderpädagogische Förderung.

75 Prozent der Schulleitungen der allgemeinen Schulen benötigen mehr Stellen für sonderpädagogische Unterstützung. 53 Prozent dieser Schulleitungen halten eine zusätzliche Stelle, 28 Prozent zwei zusätzliche Stellen für notwendig, um gute Arbeit im Gemeinsamen Lernen leisten zu können.


Zweites Ergebnis

Abordnungen und Versetzungen

Abordnungen und Versetzungen gehen zu Lasten der Förderschulen.

Bei 90 Prozent der befragten Förderschulen sind Kolleg*innen an die allgemeinen Schulen für den Bereich Lern- und Entwicklungsstörungen abgeordnet, bei etwa der Hälfte der Förderschulen wurden Kolleg*innen an andere Schulformen versetzt. 80 Prozent der Förderschulen veränderten daraufhin ihr Förderangebot, 45 Prozent der Förderschulen vergrößerten die Klassen.


Drittes Ergebnis

Klassengröße

Gemeinsames Lernen braucht kleine Klassen!

An 63 Prozent der befragten allgemeinen Schulen sind 21 bis 25 Schüler*innen in Klassen des Gemeinsamen Lernens. Bei 26 Prozent der Schulen liegt die Klassengröße sogar bei 25 Schüler*innen und mehr. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf.

Die GEW sagt: inklusiv arbeitende Klassen sollten nicht mehr als 20 Schüler*innen haben.


Viertes Ergebnis

Vermuteter Bedarf grösser als festgestellter Förderbedarf

Der vermutete Förderbedarf ist viel grösser als der festgestellte.

Der Anteil der Schüler*innen mit bereits festgestelltem sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf in den Förderschwerpunkten Lernen, Emotionale und soziale Entwicklung und Sprache (LES) ist je nach Schulform unterschiedlich hoch. Die Grundschulen können den sonderpädagogischen Förderbedarf LES erst im dritten Schulbesuchsjahr feststellen lassen.

Die Forderung der Kolleg*innen nach mehr Lehrkräften für sonderpädagogische Förderung wird verständlich, betrachtet man darüber hinaus den vermuteten zusätzlichen sonderpädagogischen Förderbedarf.


Fünftes Ergebnis

Es gibt Exklusion aus dem gemeinsamen Lernen

Es gibt eine kontinuierrliche Exklusion aus den allgemeinen Schulen.

80 Prozent der Förderschulen haben Rückkehrer*innen aus dem Gemeinsamen Lernen. Durchschnittlich kehrten in den Schuljahren 2014/2015 und 2015/2016 pro Förderschule jeweils etwa drei Schüler*innen als Rückkehrer*innen/Abbrecher*innen aus dem Gemeinsamen Lernen zurück. Die meisten Förderschulen (80 Prozent) verzeichnen Rückkehrer*innen/Abbrecher*innen aus den Grundschulen - die Schulform mit dem höchsten Anteil des Gemeinsamen Lernens.


Sechstes Ergebnis

Mehr Fortbildung erforderlich

Die Kolleg*Innen benötigen mehr Fortbildung.

Zwei Drittel der Schulleitungen aus den allgemeinen Schulen empfinden das bestehende Fortbildungsangebot als nicht ausreichend. Dringend nachgefragt werden vor allem praxisorientierte Fortbildungsangebote für das Gemeinsame Lernen.

Für die abgeordneten Sonderpädagog*innen sehen die Schulleitungen der Förderschulen ihrerseits einen großen Fortbildungsbedarf, vor allem im Hinblick auf Teamarbeit und Vorbereitung auf ihre neue Rolle als Kollegin oder Kollege an der allgemeinen Schule.


Siebtes Ergebnis

Eine zentrale Anlaufstelle vor Ort gewünscht

Die Schulen wünschen sich eine zentrale Anlaufstelle als Unterstützung.

Für die Schulen gibt es keine zentrale Anlaufstelle für Inklusionsanfragen, dies empfindet jedoch die große Mehrheit der Befragten (80 Prozent) als erforderlich. Knapp die Hälfte der Befragten greift bei der Umsetzung der Inklusion auf die Kompetenzteams zurück. Damit bestätigen die Schulleitungen die GEW-Forderung: Fachzentren für Inklusion vor Ort.


Achtes Ergebnis

Inklusive Schulentwicklungspläne fehlen

Inklusive Schulentwicklungspläne müssen her.

Bei 50 Prozent der allgemeinen Schulen und 40 Prozent der Förderschulen gibt es keinen Schulentwicklungsplan der Kommune, der die Inklusion angemessen berücksichtigt. 90 Prozent aller Befragten empfinden dies aber als absolut erforderlich.

57 Prozent der Förderschulleitungen geben an, dass ihre Schule nicht angemessen an der Schulentwicklungsplanung beteiligt wurde, obwohl 22 Prozent der befragten Förderschulen erwarten, voraussichtlich innerhalb der nächsten drei Jahre geschlossen zu werden. Die Beteiligung der Schulen an der Schulentwicklung vor Ort durch Kommune und Schulaufsicht muss dringend verbessert werden.


Neuntes Ergebnis

Barrierefreiheit & Räume für differenziertes Arbeiten?

Allgemeine Schulen brauchen eine barrierefreie Ausstattung.

Knapp 80 Prozent der allgemeinen Schulen verfügen nur zum Teil oder gar nicht über eine ausreichende Materialausstattung für differenziertes Lernen. Knapp 80 Prozent der Schulen verfügen nur zum Teil oder gar nicht über ein ausreichendes Raumangebot. 64 Prozent der allgemeinen Schulen sind nur zum Teil oder gar nicht für ihren Bedarf barrierefrei. Die inklusiv arbeitenden Schulen bedürfen einer deutlich größeren Unterstützung durch ihren Schulträger.


Zehntes Ergebnis

Die drei vordringlichsten Bedarfe

Die drei vordringlichsten Bedarfe zur Umsetzung der Inklusion:

Die dringlichsten Bedarfe zur Umsetzung der Inklusion sind nach Angaben der Schulleitungen:

  1. Mehr Stundenanteile von Sonderpädagog*Innen!
  2. Bessere Räumlichkeiten, um zieldifferentes Lernen und Arbeiten zu ermöglichen!
  3. Mehr Zeit für Absprachen und Beratung!

Infoflyer

Die wichtigsten Ergebnisse der Befragung veröffentlichen wir in einem Flyer. Hier gibt es ihn zum Download.


Infos zur Umfrage

Die allgemeinen Schulen und die Förderschulen wurden getrennt befragt. Es handelte sich um eine Onlinebefragung, die durch ein personalisiertes Anschreiben mit Kennwort gestartet wurde.

Der Datenerhebung war zwischen dem 7. September und dem 5. Oktober 2015. 21,5 Prozent der allgemeinen Schulen und 29,2 Prozent der Förderschulen nahmen teil. Die rege Beteiligung an der Onlineumfrage zog sich durch alle Schulformen. Einige Schulformen wie die Grundschule (25 Prozent) und die Gesamtschule (28 Prozent) nahmen überdurchschnittlich häufig an der Umfrage teil, andere Schulformen waren leicht unterrepräsentiert (Gymnasium 18 Prozent). Durch eine Gewichtung wurde sichergestellt, dass die Schulformen im richtigen Verhältnis zueinander stehen.Beide Umfragen sind repräsentativ.

[Fragebogen / Auswertung: Mauss Research; Durchführung der Erhebung: mainis IT Service GmbH]